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07Nov2010

„Am Ende wog ich nur noch 44 Kilo“

von Jörg Rostek in Ausländische Studierende, Wahlen

Patricia studiert Public Administration an der Uni Münster. Sie hat zwei Jahre im Vorstand der Ausländischen Studierendenvertretung (ASV) gearbeitet. Da sie Brasilianerin ist, war sie für die Sorgen der lateinamerikanischen Studierenden zuständig. Sie war ein Jahr bei der Juso-HSG organisiert. Warum sie dies heute bereut und sie heute kein ASV- Vorstandsmitglied mehr ist, erzählt sie in diesem Interview. Eine aufrüttelnde Geschichte und ein Blick in politische Abgründe der Studierendenschaft.

uFaFo: Hallo Patricia, du hast in einer Sitzung des Studierendenparlaments Juso-HSG und DIL vorgeworfen, sie würden dich aus dem Amt drängen wollen, und um Hilfe gebeten. Die Situation war sehr angespannt. Das war sicherlich nicht einfach für dich.

Patricia: Es war sehr schwierig. Ich war aufgewühlt. Ich habe lange überlegt, ob ich das machen möchte. Dann musste es einfach raus.

uFaFo: Seit wann versuchen diese beiden Listen schon dich aus dem Amt zu drängen?

Patricia: Angefangen hat das bereits vor dem ASV-Sommerfest (26. Juni, Anm. d. Redaktion). Plötzlich waren meine Arbeitskollegen mir gegenüber komisch und distanziert. Einige begannen, mich und meine Arbeit schlechtzureden. Plötzlich übten sie Kritik, die nicht konstruktiv, sondern willkürlich war. Also habe ich nachgefragt, warum sie dies tun, und mir wurde gesagt , dass Jusos einige der Vorstandsmitglieder der Ausländischen Studierendenvertretung gegen mich eingestimmt hätten und dass sie mich nicht mehr im Vorstand haben wollten. Sie wollten, dass ich zurücktrete. Ich fragte daraufhin, ob das stimme, und mir wurde eindeutig mitgeteilt, dass, wenn die Jusos mich nicht mehr im Vorstand wollten, mich eine Mehrheit im ASV-Gremium bald abwählen würde.

uFaFo: Und dann?

Patricia: Die Leute von der DIL empfahlen mir, mit den Jusos zu sprechen. Das habe ich aber nicht getan, weil ich hoffte, die Jusos durch meine Arbeit zu überzeugen. Schließlich hat mich die AStA-Vorsitzende (Clarissa Stahmann, Juso-HSG) angerufen und mir gesagt, sie hätte gehört, dass ich zurücktreten wollte. Ich betonte ihr gegenüber, dass ich nicht zurücktreten würde und weiter arbeiten wollte. Sie meinte, dass die Jusos dies aber wollten, weil ich nicht mehr dabei wäre. In den kommenden Wochen wurde das Mobbing dann heftiger. Durch den Druck und den Stress habe ich sechs Kilo Körpergewicht abgenommen. Am Ende wog ich nur noch 44 kg. Dann hab ich mit jemandem von den Jusos, dem ich vertraue, gesprochen und die Person hat mit Clarissa gesprochen und mir gesagt, ich sollte besser nach einem alternativen Job suchen, denn die Pläne der Jusos mich abzuwählen wären schon sehr fortgeschritten.

uFaFo: Zu diesen Vorkommnissen gibt es einen Artikel, der in der „Münsterschen Zeitung“ erschienen ist. Der ASV-Vorstandsvorsitzende hat auf diesen Artikel reagiert und deine Vorwürfe abgestritten. Er schreibt in seiner Stellungnahme, es hätte zwischen dir und den anderen Vorstandsmitgliedern unversöhnliche Streitigkeiten gegeben. Er wirft dir vor, unzuverlässig zu sein. Als Mitglied der Demokratisch Internationalen Liste (DIL) bestreitet er den Einfluss der Jusos. Was fühlst du, wenn du so was liest? Warum macht er das?

Patricia: Er will damit seine Entscheidung, mir das Vertrauen zu entziehen, rechtfertigen. Ich habe die Stellungnahme gelesen. Ende November haben wir wieder Wahlen. Als Vorsitzender kann er es sich nicht leisten, die Abhängigkeit der DIL von der Juso-HSG zuzugeben. Ich habe acht Monate mit ihm zusammengearbeitet. Da lernt man sich kennen.

uFaFo: Außerdem steht in der Stellungnahme zum Artikel, dass ganze neun von den 15 Mitgliedern des ASV-Gremiums sein Misstrauensvotum unterstützt und dich abgesetzt hätten. Das sei eine aussagekräftige Quote.

Patricia: Es muss aber auch festgestellt werden, dass 3 der 9 ASV-Mitglieder auch AStA-Referenten sind. Zwei von den dreien sind bei der Juso-HSG und eines ist bei der DIL. Da die Referenten vom Parlament gewählt werden, sind diese drei direkt an die Listen gebunden. Sie kooperieren mit Jusos und DIL und sprechen sich ab. Zwei von diesen 9 waren zum Zeitpunkt meiner Abwahl noch nicht zum ASV-Vorstand gewählt eine davon hat meine Stelle übernommen. Wenn sie sich nicht gegen mich gewandt und gegen mich gestimmt hätten, wären sie wahrscheinlich nicht ins Amt gehoben worden. Weitere zwei von den 9 Stimmen kamen von Personen, die mich bedrängt haben. Eine weitere Person hatte Angst, vom AStA und der ASV keine Unterstützung mehr zu bekommen. Eine davon ist selber im Vorstand und wollte ihre Stelle nicht verlieren. Mittlerweile haben sich viele dieser 9 bei mir entschuldigt und meine Arbeit gelobt.

uFaFo: Sie haben es aber trotzdem getan.

Patricia: Ja.

uFaFo: Warum? Was bringt es denn, im ASV-Vorstand zu sein? Was hat man denn davon?

Patricia: Wenn man gut arbeitet kann man viel lernen. Es kommt gut im Lebenslauf und man bekommt eine finanzielle Aufwandsentschädigung. Wer diese mal hat, gibt diesen regelmäßigen Zuschuss ungern her. Manche Leute haben mehrere Stellen an der Uni. So können sie für eine Veranstaltung mehrmals Geld erhalten. Sie meistern quasi nur eine Aufgabe und kassieren von zwei Stellen Geld. Fast alle, die mich abgewählt haben, haben also persönlich sehr stark von meiner Abwahl und der Zusammenarbeit mit Jusos und DIL profitiert.

uFaFo: Warum ist Listeneinfluss auf die Vertretung der ausländischen Studierenden eigentlich schlecht?

Patricia: Die ASV wird nicht von den Parlamentariern gewählt, sondern direkt von den ausländischen Studierenden. Das ist eine Personenwahl. Bei der Wahl werden die ausländischen Studierenden der Uni Münster in ihre Herkunftskontinente aufgeteilt. Jede Herkunftsgruppe wählt jemanden aus ihrer eigenen Region. So ist die ASV bunt gemischt und jeder ist für seine eigene Gruppe verantwortlich. Ganz einfach deshalb, weil diese die Probleme „ihrer Leute“ am besten kennen und deren Kultur teilen. Diese Vielfalt soll sich auch im Vorstand der ASV abbilden. Wer in den Vorstand will, stellt sich, seine Absichten und die geplanten Projekte vor. Wenn nun aber die Listen das Personal bestimmen, geht es nicht mehr um Erfahrung und Kompetenz, sondern die wählen eher einen Freund oder Freundin, die in der eigenen Liste ist. Wenn dann ein Vorstandsmitglied nicht mehr der Liste angehört, wird dieses rausgewählt – zum Schaden der ausländischen Studierenden aus dieser Region. Doch die ausländischen Studierenden brauchen Angebote, Beratung und Veranstaltungen. Jusos und DIL stören im Moment die Balance. Jetzt gibt es kein Vorstandsmitglied mehr aus Lateinamerika, obwohl die Studierenden von dort besonders benachteiligt sind.

uFaFo: Lass uns wieder auf die AStA-Vorsitzende zurückkommen.

Patricia: Clarissa kenne ich noch von früher. Ich fand sie damals ganz nett. Ich habe sie bei den Jusos getroffen und als sie zur AStA-Vorsitzenden gewählt wurde, habe ich mich, auch wenn ich sie nicht so gut kannte, für sie gefreut.

uFaFo: Und später?

Patricia: Dann bin ich aus der Juso-HSG ausgetreten und die hat meine Abwahl eingeleitet. Dann begann das Mobbing. Ich habe Clarissa gefragt, warum sie nicht direkt auf mich zukommt und mir sagt, was nicht in Ordnung sei. Sie sagte zu mir, dass das Plenum der Juso-HSG meine Abwahl beschlossen habe. Da ich bei den Jusos nicht mehr präsent sei, so meinte sie, müsse ich zurücktreten. Sogar aus dem Ausland haben Jusos E-Mails an mich geschrieben und mich aufgefordert, mich an den Fraktionszwang zu halten.

uFaFo: Aber die Jusos haben in der ASV nur zwei von 15 Sitzen.

Patricia: Genau. Aber da sie sich mit der DIL absprechen, habe sie einen sehr starken Einfluss.

uFaFo: Wie ging es dann weiter?

Patricia: Clarissa wollte als meine Nachfolgerin ein Juso-Mitglied wählen lassen. Als die Juso-HSG nach der Wahl des Parlaments aber eine Koalition schmieden konnte, wurde dieses Mitglied schließlich AStA-Referentin und ein DIL-Mitglied wurde für den Vorstand vorgeschlagen und letztlich gewählt.

uFaFo: Laut Satzung der Studierendenschaft übt die AStA-Vorsitzende doch aber in Streitfällen auch die Rechtsaufsicht aus. Wie geht das denn? Wie kann sie dies tun und dich gleichzeitig zum Rücktritt auffordern?

Patricia: Das ist meiner Meinung nach unmöglich. Clarissa hätte beides strikt trennen müssen. Wenn sich jemand ungerecht behandelt fühlt, wenn es einen Streitfall gibt, muss die AStA-Vorsitzende Gerechtigkeit herstellen können. Ich konnte ihr nicht vertrauen. Mein Wort steht gegen das von so vielen Menschen. Ich bin in dieser Sache fast ganz allein. Deshalb habe ich das Parlament um Hilfe gebeten. Die Jusos sind zu gut organisiert. Sie schaffen es, mich bei Leuten, die mich kaum oder gar nicht kennen, schlecht zu reden. Wenn ich heute in den AStA gehe, schauen mich Menschen, die nett zu mir waren und mit denen ich zusammen gearbeitet habe, komisch, fast abfällig an.

uFaFo: Du warst ein Jahr bei den Jusos. Wie war das denn so?

Patricia: Es ging. Doch bald hatte ich das Gefühl, Quotenausländerin zu sein. Im Juso-Plenum wird es als ganz nett betrachtet, ein paar Ausländer in der Liste zu haben, aber wenn wir wirklich etwas sagen wollen, werden wir nicht ernst genommen. Nur wer zustimmt, ist beliebt. Wer sich beschwert, gilt als unbequem und wird ausgegrenzt.

uFaFo: Warum bist du überhaupt ausgetreten, wenn dir klar war, dass dies Probleme mit sich bringen würde?

Patricia: Die Jusos wollten unbedingt einen weiteren Sitz im ASV-Vorstand. Sie haben darüber gesprochen die ASV abzuschaffen und stattdessen im AStA in einem Internationalismusreferat anzusiedeln.

uFaFo: Bitte, was?

Patricia: Sie planten, die ASV erst ausbluten zu lassen, um dann die ASV-Leute, wenn sie etwas falsch machen, kritisieren zu können und so Argumente für die Umverlegung haben zu können. Das bedeutet, dass die Vertretung der ausländischen Studierenden ihre Unabhängigkeit ganz verlieren sollte. Da war für mich eine Grenze überschritten.

uFaFo: Und dann?

Patricia: Ich war damit nicht einverstanden und bin deshalb ausgetreten. Wenn ich mich an deren Spielregeln gehalten hätte, würde ich immer noch da arbeiten. Ich wollte aber lieber meine Prinzipien als mein Amt behalten.

uFaFo: Und die DIL hätte das zugelassen?

Patricia: Die DIL ist stark von den Jusos abhängig. Beide Listen organisieren auch den Wahlkampf zusammen. Das schwächt die DIL. Wenn die DIL wirklich an einer wirksamen Vertretung der ausländischen Studierenden interessiert wäre, wäre es besser, sie würde enger mit ausländischen Studierendenvereinen zusammenarbeiten, anstatt mit der Juso-HSG.

uFaFo: Du bist aber nicht ganz raus aus der Vertretung, nur aus dem Vorstand. Letztlich bist du noch im ASV-Gremium. Du bist gewählt. Wirst du wieder für die ASV kandidieren?

Patricia: Nein. Ich fühle mich dort nicht mehr wohl. Das haben die geschafft. Mit solchen Menschen will ich nichts mehr zu tun haben. Stattdessen werde ich mich in Vereinen für die Studierenden engagieren.

uFaFo: Das Parlament hat wegen deines Falles einen Untersuchungsausschuss eingerichtet. Dieser ist mit Mitgliedern aller Listen besetzt und hat sich vor kurzem das erste Mal getroffen. Was erwartest du von den Studierenden in diesem Ausschuss?

Patricia: Ich wünsche mir, dass der Untersuchungsausschuss es schafft, dass DIL und Juso-HSG keine Gerüchte mehr über mich verbreiten. Sie versuchen, anderer Leute Meinung gegen mich zu richten. Niemand darf mich diskreditieren.

uFaFo: Und du begegnest diesen Leuten dann auf dem Campus im Café oder so, doch sie fragen dich nicht persönlich, ob die Behauptungen stimmen?

Patricia: Nein, das ist das Problem. Ich kann schwer beweisen, dass ich gut gearbeitet habe, deshalb habe ich eine Liste mit den Projekten aufgestellt, bei denen ich mitgemacht habe.

uFaFo: Du wirst auch vor dem Untersuchungsausschuss aussagen?

Patricia: Ja.

uFaFo: Das ist schon der dritte Untersuchungsausschuss gegen die Jusos innerhalb eines Jahres.

Patricia: Ich weiß. Aber die Skandale geraten schnell in Vergessenheit, weil die Studierenden von Semester zu Semester wechseln und kaum noch Zeit für politisches Engagement haben, insbesondere ausländische Studis stehen sehr stark unter Druck. Finanziell und was die Studienleistung angeht.

uFaFo: Wie erklärst du dir diese Gleichgültigkeit?

Patricia: Ich glaube, die Menschen denken eher an sich und denken kaum über die Folgen ihrer Handlungen nach. Sie verlassen sich eher auf das Hörensagen, anstatt den Dingen richtig auf den Grund zugehen. Viele sind mit ihrem Studium beschäftigt. Viele nehmen die studentische Interessenvertretung gar nicht für sinnvoll.

uFaFo: Wir haben viel über Probleme gesprochen, gibt es auch Lösungen für diese verfahrene Situation?

Patricia: Ja, durchaus. Die ASV sollte bekannter werden. Neue Leute, Studierende, die noch nicht verdorben sind, die nicht im AStA, in der ASV oder der Brücke arbeiten, müssen da rein. Man sollte nicht mehrere Uni-Jobs gleichzeitig haben dürfen, damit auch andere Studierende die Chance haben, diese auszuüben. Bisher läuft alles über Seilschaften. So bin ich auch reingekommen. Ohne Bekanntschaft ist das schwierig. Überhaupt ist es für ausländische Studierende sehr schwer, sich politisch zu engagieren, da sie neben dem Studium oft arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren.

uFaFo: Was müsste noch passieren?

Patricia: Die Protokolle der ASV-Sitzungen sollten öffentlich gemacht werden. Die Sitzungen sollten auch auf der AStA-Homepage angekündigt werden. Auch die Presse sollte häufiger bei den Sitzungen anwesend sein. Ich würde mich freuen, wenn Radio Q regelmäßig über die ASV berichten würde.

uFaFo: Und was noch?

Patricia: Die Listen sollten die Finger von der Ausländischen Studierendenvertretung lassen. Nicht ohne Grund haben Generationen vor uns für die Autonomie der ASV gekämpft.

2 Kommentare zu „Am Ende wog ich nur noch 44 Kilo“

  Studierendenparlament besetzt Untersuchungsausschuss neu by www.ufafo.ms

23. Januar 2011 um 13:17 Uhr

[…] F5 der Uni Münster (Domplatz 20-22). Ein besonderer Tagesordnungspunkt ist die Neubesetzung des ASV-Untersuchungsaussschusses. Hier ist die weitere Tagesordnung (Fragen und Anregungen schickt bitte an […]

  Studierendenparlament besetzt ASV-Untersuchungsausschuss neu by www.ufafo.ms

26. April 2011 um 09:24 Uhr

[…] 2. Interview mit einer Betroffenen: „Am Ende wog ich nur noch 44 kg.“ […]

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