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17Nov2010

Politik und Persönliches: Post an den Ayatollah

von ufafo.ms in Wahlen

Liebe Studierende, Ende November werden an der Uni Münster die Wahlen des Studierendenparlaments abgehalten. Damit ihr die Kandidatinnen und Kandidaten des unabhängigen Fachschaftenforums besser kennenlernen könnt, haben wir sie interviewt. Das erste Gespräch haben wir mit Bianca Hüsing, Listenplatz 2, geführt. Sie ist Studentin der Philosophie, ist im Fachschaftsrat engagiert und hat vor kurzem ihren Bachelorabschluss erworben.

uFaFo: Hallo, Bianca. Du hast gegen die drohende Steinigung der Iranerin Sakineh Ashtiani Unterschriften in Münster gesammelt. Welche Erfahrungen hast du dabei gemacht?

Bianca: Die Reaktionen der Menschen waren durchwachsen. Es gab einige, die sich weigerten, ihre Unterschrift zu setzen, ohne es zu begründen. Anderen war der Gedanke unbehaglich, ihren Namen und ihre Adresse mitzuteilen, was ich respektiert habe. Die meisten allerdings zögerten nicht lang und freuten sich darüber, dass sich Studierende für die Rettung von Sakineh einsetzen.

uFaFo: Du hattest ja die Idee für die Aktion. Wie bist du darauf gekommen? Hat es etwas damit zu tun, dass Bertolt Brecht dein Lieblingsschriftsteller ist?

Bianca: Brecht war zumindest derjenige, der mich in jungen Jahren politisiert und für kritische Themen sensibilisiert hat. Also steht er sicherlich irgendwo am Anfang einer Kausalkette. Den eigentlichen Impuls für die Unterschriftensammlung gab mir allerdings ein Zeitungsartikel in der Frankfurter Rundschau, der die Leserschaft zum Briefeschreiben an iranische Behörden aufrief. Ich war so empört über Sakinehs Haft und darüber, dass ihr allen Ernstes eine Steinigung bevorstehen sollte, dass ich direkt den in der Rundschau empfohlenen Forderungstext abschrieb und per Post an den Ayatollah schickte. Ein uFaFo-Mitglied, dem ich von der online-Petition „Free Sakineh“ erzählte, kam dann auf die Idee, eine Unterschriftenaktion in Münster zu starten.

uFaFo: Wie empfindest du die Rolle der Frauen im Iran?

Bianca: Empfinden ist das richtige Wort, denn ich kann nur von dem ausgehen, was ich aus den Medien darüber erfahre. Dass im Iran das Demonstrieren verboten ist, dass Fußballspielerinnen heimlich auf der Straße kicken müssen und ein Stadion in der Regel nicht besuchen dürfen, ist ungerecht. Dass aber eine Frau für Ehebruch ausgepeitscht und für einen Mord, zu dessen Geständnis sie nach Aussage ihres eigenen Sohnes gezwungen worden ist, hingerichtet werden soll, ist katastrophal und zeigt, wie Frauenrechte im Iran mit Füßen getreten werden.

uFaFo: In den USA befinden sich viele Menschen in sogenannten Todeszellen? Wäre es nicht besser das uFaFo würde sich auch für diese einzusetzen?

Bianca: „Besser“ impliziert eine Wertung, die ich nicht geben möchte. Nicht, wenn es darum gehen soll, das Leiden verschiedener Personen gegeneinander abzuwägen. Todesstrafe lehne ich aus guten Gründen völlig ab. Dabei spielt keine Rolle, wer in welchem Land hingerichtet werden soll, wofür er oder sie bestraft wird. Wir pflegen hierzulande glücklicherweise eine Strafkultur, die eine Möglichkeit der Erziehung und der gesellschaftlichen Reintegration unterstellt. Dass sich das uFaFo ausgerechnet für Sakineh einsetzt, liegt ganz schlicht an der Popularität ihres Falls. Sollte der weltweite Protest tatsächlich ihr Leben retten, so wäre dies ein Präzedenzfall, der den Diskurs über die Angemessenheit von bestimmten Strafmechanismen lostreten könnte. Und das käme sicherlich auch den in den USA und sonstwo Inhaftierten zugute.

uFaFo: Wie werden deiner Meinung nach Frauen in der Bundesrepublik behandelt? Ist die Emanzipation vollzogen oder gescheitert?

Bianca: Als Frau kann ich einen Universtitätsabschluss erwerben, ich kann mich nach meinem Gusto kleiden und mich binden, mit wem ich will. Ich kann meine Meinung äußern und im Fußballstadion mit den Männern gröhlen. Dennoch gibt es Unterschiede bei Gehältern zwischen Mann und Frau, es gibt gesellschaftliche Bereiche, in denen eine Frau keinesfalls gleichwertig behandelt wird. Man denke da zum Beispiel an den Hinweis in vielen Supermärkten, man solle die Kassiererin fragen. Und schließlich wird mit unserem Geschlecht noch immer das „Zuhausebleiben“ assoziiert. Die Emanzipation der Frau ist eine Weichenstellung, aber eine Veränderung im Denken einer ganzen Gesellschaft bis in die letzte Konsequenz kann Jahrhunderte dauern und muss gefördert werden.

uFaFo: Du stammst aus Spelle und hast zwei Schwestern und einen Bruder. Ist für eine Frau auf dem Land schwerer sich durchzusetzen als in einer Stadt wie Münster?

Bianca: Ich würde sagen, dass Frauen auf dem Land prinzipiell ein anderes Rollenverhalten abverlangt wird. Ich stelle das in meinem eigenen Verhalten fest. Wenn ich mich in Spelle in der Öffentlichkeit bewege, neige ich zu Opportunismus zum Beispiel in Bezug auf Kleidung. In der dörflichen Kultur scheint mir das Reden über andere ein omnipräsenter Mechanismus, der dazu führt, dass das eigene Verhalten nicht reflektiert werden muss. Beispiele aus Dorfgesprächen: Einer Frau ist erotische Selbstbestimmung auf dem Lande nicht möglich, ohne dass ihr Verhalten völlig anders bewertet wird als das der Männer. Das Betrunkensein ist für eine Frau nicht schicklich, während Männer sich damit brüsten. In einer Stadt sind solcherlei Phänomene kaum zu beobachten, was einerseits in der größeren Population und der damit verbundenen Anonymität begründet sein kann, andererseits – und das gilt gerade für eine Universitätsstadt wie Münster – ist der Bildungsgrad der Bürgerinnen und Bürger im Schnitt vermutlich höher.
Was nun Aufstiegschancen betrifft, so ist eher noch der soziale Hintergrund entscheidend.  Arbeiterkindern stellen sich nach wie vor Hürden im Bildungssystem, die ein Kind mit entsprechendem finanziellen und kulturellen Rückhalt einfacher überwinden kann. Davon sind Männer natürlich ebenso betroffen wie Frauen.

uFaFo: Glaubst du, dass Frauen in Führungspersonen wie Angela Merkel und die Uni Münster Rektorin Ursula Nelles, moralisch verpflichtet sind, sich für die Gleichstellung der Frau einzusetzen?

Bianca: Wenn nicht Frauen, die an der Spitze eines Staates oder einer Universität stehen und denen zweifelsohne eine Vorbildfunktion anhaftet, sich für Frauenrechte einsetzen – wer dann? Leider habe ich – bis auf die obligatorischen Redebeiträge zum Weltfrauentag (wenn es die überhaupt gibt) – keine nennenswerten Projekte oder Kampagnen gesehen. Weder von Frau Merkel, noch von Frau Nelles. An der Uni Münster wird zwar in den Stellenausschreibungen betont, dass bei gleicher Qualifikation eine Frau bevorzugt wird und in Berufungskommissionen sitzen auch Gleichstellungsbeauftragte. Dies ist sicherlich positiv zu bewerten. Was aber fehlt, sind beispielsweise Aufklärungsveranstaltungen, die ebenso stark beworben werden wie die vielen Prestigeprojekte der Universität.

uFaFo: Vielen Dank für das Interview.

2 Kommentare zu Politik und Persönliches: Post an den Ayatollah

  Zwölf, die es ernst meinen by www.ufafo.ms

23. November 2010 um 21:31 Uhr

[…] 2. Bianca Hüsing […]

  Einflussmöglichkeiten nutzen! by www.ufafo.ms

1. Dezember 2010 um 17:48 Uhr

[…] engagiert. Außerdem hat sie Unterschriften für die Iranerin Sakineh gesammelt und per Post an den Ayatollah geschickt. Eines ihrer Schwerpunktthemen ist die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Warum sie […]

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