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22Feb2011

uFaFo veröffentlicht Rede eines „angestellten“ Lehrers

von ufafo.ms in Bildungsproteste

(Jörg Rostek und Horst Hennemann)

Die folgende Rede hielt der Lehrer Horst Hennemann heute auf dem Domplatz in Münster. Wir dürfen sie mit seiner Erlaubnis veröffentlichen und erklären uns solidarisch mit den Streikenden.

Rede zum Warnstreik der angestellten Lehrerinnen und Lehrer vom 22.2.2011

Mein Name ist Horst Hennemann, ich bin Lehrer an der Justin-Kleinwächter-Realschule in Greven. Ich bin angestellter Lehrer. Mein beruflicher Werdegang ist typisch für viele Kolleginnen und Kollegen, die nicht verbeamtet wurden: Im Januar 1984 habe ich die 2. Staatsprüfung bestanden und die Befähigung zum Lehramt für die Sekundarstufe für die Fächer Sozialwissenschaften und Geschichte erworben. Dann stand ich – nach 9 Semestern Studium an der UNI Münster und nach 2 Jahren Referendariat mit 28 Jahren auf der Straße: Meine Fächer wurden – nach großzügigen Einstellungen in den Jahren zuvor – nicht mehr gebraucht; ich wurde als Lehrer nicht mehr gebraucht.

Ich habe mich dann beruflich neu orientieren müssen, habe hauptamtlich als Jugendreferent bei der ev. Kirche gearbeitet und Sozialpädagogik studiert und abgeschlossen. Um meine Chancen auf dem sich wieder verändernden Lehrerabeitsmarkt zu verbessern habe ich dann noch nebenberuflich weiterstudiert und – mit 40 Jahren – die Erweiterungsprüfung für das zusätzliche Fach Ev. Religionslehre abgelegt. Die missliche Lage am Ende meiner Leherausbildung hat – und dies ist typisch für viele von uns – zu einer Vielzahl von zusätzlichen Erfahrungen in anderen Berufsfeldern und zu zusätzlichen Qualifikationen geführt. (Die mir allerdings bis heute zwar als Lehrer sehr zu Gute kommen , die aber niemanden zu interessieren scheinen und schon gar nicht gehaltsmäßig zu Buche schlagen.)

Wie das dann so ist auf dem sog. „Lehrerarbeitsmarkt“? Mitte der 90er Jahre wurden meine Fächer, vor allen Dingen das Fach Sozialwissenschaften und natürlich auch das Fach Ev. Religion wieder an den Schulen dringend gebraucht. 1997, also 13 Jahre nach Ablegung der 2. Staatsprüfung erhielt ich ein Einstellungsangebot für den Schuldienst des Landes Nordrhein-Westfalen – – als angestellter Lehrer. Natürlich habe ich mich darüber gefreut und im Grunde freuen ich mich darüber immer noch, in meinem Wunschberuf tätig sein zu können. Was es heißt, „angestellter“ Lehrer zu sein, wurde mir durch den täglichen Kontakt mit meinen verbeamteten Kolleginnen und Kollegen immer deutlicher: In jeder Hinsicht steht man als angestellter Lehrer deutlich schlechter dar als die verbeamteten Kolleginnen und Kolleginnen:

  • deutlich schlechter im Krankheitsfall
  • deutlich schlechter in der Altersversorgung
  • deutlich schlechter bei der Altersteilzeit
  • deutlich schlechter , wenn man z. Bsp. an die Arbeitplatzsicherheit denkt
  • und deutlich schlechter , unerträglich schlechter in der monatlichen Entlohnung, beim Nettolohn.

Auf allen Feldern bedeutet angestellt gleich angeschmiert!

Damit das klar ist: Ich schätze meine Kolleginnen und Kollegen und arbeite mit ihnen gerne zusammen. Wir wollen niemanden etwas wegnehmen! Klar ist aber auch: Die Regelungen für die verbeamteten Kolleginnen und Kollegen bedeuten letztlich eine andere Lebensqualität, einen anderen Lebensstandart, gerade auch dann, wenn man Alleinverdiener ist. Die Lehrerzimmer in unserem Land sind eigentlich Klassenzimmer. Für die Realschulen z. Bsp. heißt das:

  1. Klasse: A 13
  2. Klasse: A 12

Und die Holzklassen:

  1. Klasse: A 10 für sog. „Fachlehrer“
  2. Klasse: EG 11 plus für Bezieher von früher BAT 3
  3. Klasse: EG 11 ohne plus

Bei gleicher – oft sogar besseren Qualifikationen, bei zusätzlichen beruflichen Erfahrungen und bei gleicher Arbeit empfinde ich dieses Klassenzimmer als tägliche Zumutung! Angestellt gleich angeschmiert! An einer ganz besonderen Stelle sind wir aber gleichgestellt mit den Beamten: Wenn es um die spärlich ausgeschriebenen A 13 Beförderungsstellen geht, dürfen wir mit in die Reihe der Mehrheit der Beamten. Dies ist eine weitere Zumutung unserer Arbeitgeber: Was für die einen A 13 heißt, bedeutet für uns – falls überhaupt, ein vergleichbares Netto – Gehalt in Höhe von etwa A11…Wenn schon auf allen Ebenen Unterschiede gemacht werden, so frage ich, warum gibt es dann nicht wie woanders im öffentlichen Dienst auch für jeden angestellten Lehrer einen turnusmäßigen Bewährungsaufstieg???

Mit dem sog. „Mangelfacherlass“ vom Ende des Jahres 2000 verschärfte sich die Lage für uns erneut. Der Mangelfacherlass hob die Altersgrenze für eine Verbeamtung für Lehrer mit bestimmten Fächern von 35 auf 45 Jahre an. Zwei meiner Fächer gehörten jetzt zu den sog. „Mangelfächern“, ich war damals 44 Jahre alt aber — der Mangelfacherlass galt nur bei Neueinstellung. Ich war ja bereits im Schuldienst und so, per gesetzlicher Regelung von diesem Erlass ausgeschlossen. Diese zutiefst uns diskriminierende Regelung war dann die Initialzündung für den Kampf der Angestellten:

  • Die angestellte Lehrer verfassten Protestschreiben an die Kultusministerin
  • Es gab – im Jahr 2002 – die erste Teilpersonalversammlung für Angestellte mit unerwarteten massiven Unmutsbekundungen
  • Es gab –nicht ohne Grund – die Gründung von Schall, einem Zusammenschluss angestellter Lehrer jenseits der GEW
  • Wir wählten angestellte Kolleginnen und Kollegen in

die Personalräte

  • Und: Tatsächlich gab es – vor zwei Jahren – an vier Tagen erste Warnstreiks – mit dem Ergebnis einer vagen Zusage zu Verhandlungen zu einer Lehrerentgeltordnung.

Konkret geändert hat sich aber bis zu dem heutigen Tag nichts! Und deswegen stehen wir heute hier!

4 Punkte sind mir besonders wichtig:

1. „Verständnis“ als Reaktion meiner verbeamteten Kolleginnen und Kollegen ist zuwenig: Ich wünsche mir von meinen Kollegen mehr tätige Solidarität in den Lehrerzimmern! Diesen Satz muss ich erfreulicherweise relativieren: Etliche unserer beamteten Kolleginnen und Kollegen unserer Schule haben schriftlich dagegen remonstriert, uns angestellte streikende Kollegen heute im Unterricht zu vertreten. Das ist ein gutes Beispiel aktiver Solidarität!

2.Wir fordern eine Lehrerendgeldordnung, besser eine gerechte Lehrerendgeldordnung, die unserer Ausbildung und unseren Qualifikationen entspricht: Das heißt zunächst einmal als Hauptforderung: „Gleiches Netto für gleiche Arbeit“. Nicht: Ein bisschen mehr Netto für gleiche Arbeit! – Wenn die Arbeitgeber sich nicht bewegen und unsere Warnstreiks nicht gehört werden dann müssen wir eben , so meine Überzeugung, in einen Dauerstreik treten.

3. An unserer GEW Verhandlungsführer: Es darf keine halbherzigen tariflichen Abschlüsse geben, die eine Angleichung der Netto-Löhne der Angestellten an die Netto-Löhne der Beamten in „die Zeit setzen“. Ich bin fast 55 Jahre alt, bin jetzt 14 Jahre im Schuldienst und ertrage in genau diesen 14 Jahren diese unerträglichen Zustände und ich frage: Wie lange sollen wir noch hingehalten werden?

4. Es wird – leider aber unumgänglich – Unterricht ausfallen, Klassenarbeiten werden nicht gestellt, geschrieben, korrigiert werden, Lernstandserhebungen müssen vielleicht von Kollegen durchgeführt werden, Klassenfahrten ausfallen und, und, und… – Heute wird vielfach Vertretungsunterricht erteilt werden müssen – dies ist auch eine qualitative Beeinträchtigung des Schulalltags! Uns Lehrern fällt es sicherlich nicht leicht, den Unterricht an den Schulen durch unseren Streik zu beeinträchtigen. Verantwortlich dafür und das muss uns allen klar sein, sind allerdings nicht wir, sondern die Ignoranz der Verantwortlichen gegenüber der Situation der angestellten Lehrerinnen und Lehrer!

Streiken, liebe Kolleginnen und Kollegen, heißt, so ist es nun einmal , die Arbeit niederzulegen und Druck auf den Arbeitgeber auszuüben. – Lasst uns von den Erzieherinnen oder den Lokführern lernen: Wir müssen in diesem Arbeitskampf -auch bei weiteren Aktionen – unsere unbedingte Entschlossenheit demonstrieren! Es reicht uns. Es reicht uns schon lange!Angestellt gleich angeschmiert? – nicht weiter mit uns!

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