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12Mai2011

Abgekupfert und erwischt: Erschwindelte Doktortitel sind offenbar en vogue

von ufafo.ms in Allgemeines

Über eine erschwindelte Promotion zu stolpern, scheint sich zu einer Art Trend zu entwickeln: Nach Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg hat gestern die Stoiber-Tochter Veronica Saß ihren Doktortitel verloren. Außerdem ist die FDP-Vorzeigefrau Silvana Koch-Mehrin von allen politischen Ämtern zurückgetreten – wegen der gegen sie gerichteten Plagiatsvorwürfe.

Guttenbergs Täuschung amtlich

Lesenswert ist der Bericht über Guttenbergs Doktorarbeit, den die Kommission „Selbstkontrolle der Wissenschaft“ der Uni Bayreuth gestern vorgelegt hat, allemal, insbesondere die Ausführungen über die Benotung. Sehr aufschlussreich ist auch der Anhang, der die Gutachten der beiden Prüfer und seitenweise Plagiate und deren Quellen enthält. Das Ergebnis fällt eindeutig aus:

„Nach eingehender Würdigung der gegen seine Dissertationsschrift erhobenen Vorwürfe stellt die Kommission fest, dass Herr Freiherr zu Guttenberg die Standards guter wissenschaftlicher Praxis evident grob verletzt und hierbei vorsätzlich getäuscht hat.“

Dies hatte die Uni Bayreuth bereits vorab mit einer Pressemitteilung bekanntgegeben.

Das GuttenPlag-Wiki, das mit der Veröffentlichung zahlreicher Plagiate den Stein ins Rollen brachte, ist für den Grimme-Online-Award nominiert. Wie die Nominierungskommission gestern mitteilte, habe die Leistung des GuttenPlag-Wikis nicht nur zum Rücktritt des Ministers geführt, sondern eine gesellschaftliche Diskussion über Ethik, Moral und Verantwortung entfacht.

Dr. Veronica Saß

Die Tochter des ehem. bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, Veronica Saß, wurde 2008 am rechtswissenschaftlichen Institut der Uni Konstanz promoviert. Im Februar meldete das VroniPlag-Wiki umfangreiche Plagiate, woraufhin der Promotionsausschuss ein Prüfverfahren eingeleitet hat. Wie die Uni Konstanz gestern mitteilte, wird Frau Saß der Doktorgrad entzogen. Ihre Rechtsanwälte erklärten gegenüber der Presse, dass man die Entscheidung der Uni vor den Verwaltungsgerichten anfechten wolle.

Noch-Dr. Silvana Koch-Mehrin

Auch die Doktorarbeit der FDP-Politikerin steht seit einiger Zeit wegen Plagiaten in der Kritik. Die Vorwürfe werden derzeit vom Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät der Uni Heidelberg, wo Frau Koch-Mehrin 2001 promoviert wurde, überprüft. Bis Ende des Monats hat Frau Koch-Mehrin Zeit, Stellung zu den Plagiatsvorwürfen zu nehmen, danach wird über den möglichen Entzug des Doktortitels entschieden. Gestern ist sie überraschend von allen „Spitzenämtern“ zurückgetreten, will aber ihren Versorgungsposten im Europäischen Parlament nicht aufgeben. Zumindest auf ihrer Intenernetseite führt sie den Doktortitel nach wie vor. Die Uni Heidelberg zeigt sich davon unbeeindruckt und hält am Prüfverfahren fest, wie sie heute mitteilte.

Der Doktortitel – ein Schmuck, der einfach dazu gehört?

Auf den ersten Blick ist es überraschend, wie viele Mitglieder der herrschenden Klasse und insbesondere des konservativen Lagers einen Doktor im Namen führen und nun mit ihren Plagiaten auffliegen. Offenbar dient die akademische Würde vor allem dem eigenen Glanz, denn wissenschaftliche Karriere haben die Betroffenen nie gemacht und wohl auch nie angestrebt.

Was der Titel tatsächlich bezwecken soll, ist eine interessante Frage: Ist er vor allem ein wirksamer Karrierebeschleuniger? Soll er Kompetenzen ausstrahlen, die seine/n Träger/in über andere erheben? Ist der erschwindelte Doktor ein simples Täuschungsmanöver oder gar eine Notwendigkeit, um in diesen Kreisen akzeptiert zu werden? Kanzlerin Merkel sagte einmal über zu Guttenberg, sie hätte ja keinen wissenschaftlichen Mitarbeiter gewollt, sondern einen Minister – wäre er aber Minister geworden, wenn er den Doktorgrad nicht gehabt hätte? Meinen die Betroffenen vielleicht sogar, sie hätten einen selbstverständlichen Anspruch auf einen Titel, und sei es ein erschwindelter Doktor? Und wie viele Doktoren werden es wohl noch sein, die in nächster Zeit als abschreibende Normalbürger entlarvt werden?

Jetzt jedenfalls verlieren die Betrüger/innen ihre akademische Würde und ihre Ämter und werden öffentlichem Spott ausgesetzt. Wer jemals (mit-)erlebt hat, wie aufwendig eine echte Promotion ist, wird wohl denken: Richtig so!

8 Kommentare zu Abgekupfert und erwischt: Erschwindelte Doktortitel sind offenbar en vogue

Jochen Hesping

13. Mai 2011 um 12:39 Uhr

Jochen Hesping

23. Juni 2011 um 23:23 Uhr

Jochen Hesping

10. Juli 2011 um 03:15 Uhr

Jochen Hesping

13. Juli 2011 um 14:35 Uhr

Jochen Hesping

18. Juli 2011 um 12:34 Uhr

jetzt ist auch ein doktor aus münster aufgeflogen: für das abschreiben muß der mediziner zukünftig auf seinen doktortitel verzichten.

Plagiat: Uni Münster entzieht Arzt den Doktortitel (dpa-Meldung auf der Homepage des Wissenschaftsministeriums NRW)

Dissertation als Plagiat – Universität Münster entzieht Arzt den Doktortitel (WN/Lokales)

Dissertation als Plagiat bewertet: Universität Münster entzieht einem Arzt den Doktortitel (Pressemitteilung der Medizinischen Fakultät)

Echter Student

21. Juli 2011 um 16:33 Uhr

Ehm…. ja, und das prangert jemand an, der sich nach zich Semestern exmatrikuliert hat, ohne jemals auch nur in der Nähe einer Diplomarbeit gewesen zu sein. Genial.

Jochen Hesping

21. Juli 2011 um 16:42 Uhr

Jochen Hesping

26. August 2011 um 22:10 Uhr

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