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21Jul2011

Christian Sigrist: „Es reicht!“

von ufafo.ms in Frieden

(Christian Sigrist)

Die Uni Münster erweist sich ihres Namenspatrons als würdig. Der ist Wilhelm II., u.a. wegen seines Militarismus’ und Judenhasses mehrfach in Umbenennungsdispute geraten. 80% der Professoren an dieser Universität waren 1997 gegen die Umbenennung. Das „Rektorat“ hinderte den Rektor daran, das Vernünftige zu tun und den Namen aus praktischen Gründen einfach „wegzulassen“.

Mehrfache studentische Initiativen wurden in den 1990er Jahren abgeblockt. Schließlich musste der Senat doch eine Kommission zu diesem Namensstreit einrichten, zu deren Mitglied auch ich gewählt wurde. Leiter der Kommission war der Historiker Hans-Ulrich Thamer, der eine knappe Mehrheit zugunsten einer Umbenennung nicht verhindern konnte, aber im Senat ausführlich darlegte, warum man eine Institution nicht umbenennen sollte, auch wenn dies bei Plätzen und Straßen vertretbar sei. Wilhelm II. verlieh der von ihm 1902 wieder gegründeten Universität zwar 1907 seinen Namen, würdigte die Uni aber keines Besuches, sondern zog es vor, die Kavallerie zu besichtigen und Adelskränzchen zu beehren.

Die Verstocktheit der Professoren hatte wohl einen tieferen Sinn als nur Traditionswahrung. Mit diesem Festhalten an der Namenstradition wurde auch die Universität für das Militär offen gehalten, d.h. die zumindest partielle Militarisierung von Forschung und Lehre zu legitimieren ermöglicht. In diesem Jahr ist dies nun „endlich erreicht!“1. Am 29.6.2011 vermelden die „Westfälischen Nachrichten“ (WN) unter dem Titel „Lernen mit dem Militär“, dass ein Politikwissenschaftler seit einiger Zeit mit dem Deutsch-Niederländischen Korps kooperiert. Das WN-Foto zeigt sitzend den Polit-Prof. mit zwei Doktorand/inn/en. Dahinter stehen (deutlich sportlicher als der Prof. wirkend) der niederländische und der deutsche Kommandeur. Das Bild macht die Hegemonieverhältnisse sichtbar. Die erste Phase der Kooperation fand bis zum 1. Juli als Seminar im Gebäude des Deutsch-Niederländischen Korps statt. Außer 15 deutschen Studierenden nahmen auch fünf Niederländer daran teil. Im September soll diesem Blockseminar eine vom Korps organisierte große Übung mit Militärs, Angestellten des Auswärtigen Amtes, Entwicklungsländerexperten aus Deutschland und den Niederlanden folgen, bei dem Studierende assistieren sollen.

Die „Es-ist-erreicht-Fraktion“ der „WWU“ mag das in einer Garnisonsstadt für angemessen halten. Für alle, die dieser in jeder Hinsicht gefährlichen Vermischung entgegentreten wollen, wird es dringlich, die Verankerung der an anderen deutschen Universitäten bestehenden Zivilklausel, d.h. der Ablehnung der militärischen Ausrichtung von Forschung und Lehre, in der Verfassung der Uni Münster zu fordern. Dann würden solche Kooperationsübungen nämlich illegal. Die Zivilklausel ist nicht nur für naturwissenschaftliche Fächer relevant; der Bedarf an sozial- und kulturwissenschaftlicher Kompetenz ist für eine „Einsatzarmee“, die in Krisenregionen operieren soll, offensichtlich. Die Zivilklausel involviert die Ablehnung von militärischen Interventionen in solchen Regionen und stellt damit einen Beitrag zur Entmilitarisierung internationaler Beziehungen dar.

Der Begriff „humanitäre Intervention“ ist ideologisch und beruht auf der absichtlichen Verwischung des Unterschiedes zu „humanitärer Hilfe“. Zu deren „Paradoxien“ ist nun gerade eine von mir betreute Dissertation zum Abschluss gebracht worden, und zwar von einer Krankenschwester, die in den 1990er Jahren fast anderthalb Jahre für Cap Anamur in Kroatien, Rwanda und im Sudan gearbeitet hat und eine auf der eigenen Erfahrung sowie der Auswertung der vorliegenden Literatur beruhende Analyse erstellt hat. Wir beabsichtigen, die Ergebnisse ihrer Erfahrungen und Analysen öffentlich vorzustellen. Dieses Projekt ist seit langem geplant, völlig unabhängig von der jetzt bekannt werdenden „Kooperationsbeziehung“.

Präzisierung gegen falsche Moralisierung (Hinzugefügt am 10.08.11)

Ich unterstelle nicht pauschal, dass die Kollegen, die gegen die Umbenennung der WWU waren, persönlich die Kooperation mit dem Militär anstrebten. Sie hatten andere Begründungen wie: kommt für einen Preußen nicht in Frage. Und allgemein: die Abwehr bewussten politischen Engagements. Aber sie begünstigen damit den „mainstream des Offenhaltens“. Zugleich muss ich hervorheben, dass es offene Befürworter einer Kooperation Universität-Bundeswehr (BW) gab, die sie aus dem Motiv der Förderung demokratischer Integration der BW und damit der Auflösung der „Staat im Staate“ – Konstellation heraus unterstützten. Zu ihnen gehörte Prof. Herwig Blankertz, der als Dekan des damaligen Fb 9 entschieden meine Berufung nach Münster unterstützt hatte.

Als bei der ersten FBK-Sitzung nach meiner Berufung die Entscheidung über die alljährliche Exkursion der Pädagogen zur Sprachenschule der BW anstand, habe ich in Unkenntnis von Blankertz` Engagement eine Diskussion angezettelt über dieses Vorhaben (an der Sprachenschule wurden schließlich auch Bedienungsanleitungen für deutsche Waffen, die an die in den afrikanischen Kolonialkriegen verwickelte portugiesischen Armee geliefert wurden ins Portugiesische übersetzt). Blankertz war unter den deutschen Erziehungswissenschaftlern eine Ausnahmeerscheinung: der Kriegsheimkehrer arbeitete auf dem Bau und in der Textilindustrie. Das Abitur machte er über den 2. Bildungsweg; er promovierte und habilitierte im Geiste der Kritischen Theorie. Blankertz schneiderte seine blauen und schwarzen Anzüge im Nehru – Stil selbst. Unser Verhältnis hat unter meiner Unkenntnis seines Engagements für die gesellschaftliche Integration der Bundeswehr nicht gelitten – Blankertz unterstützte seinen Sohn Stephan beim Aufbau seines libertären Verlags „Büchse der Pandora“. Stephan Blankertz war einer meiner besten Studenten und schloss sein Studium mit einer von mir betreuten Dissertation über den US-Pazifisten Paul Goodman ab.

Ich sah Blankertz zum letzten Mal als er mir die Dissertation seines Sohnes in mein Haus brachte; in einem roten VW Scirocco, in dem er 1984 durch einen von einem gewissenlosen Taxifahrer kurz vor seinem Bungalow verursachten Unfall schwer verletzt wurde. Er starb Wochen später unter großen Qualen. Mit ihm war auch der Eros der Pädagogik in Münster erloschen.

Allgemeine Schlussbemerkung

War die alte BW durch Verlotterung der einfachen Wehrpflichtigen und elitäres Gehabe der Offiziercorps und ehrloses Verhalten des Ministers Wörner (Fall Kießling) gekennzeichnet, so steht nun eine von gesellschaftlicher Integration weit entfernte professionelle Truppe mit Killer-Moral auf dem Plan, der sich weltfremde Friedens- und Konfliktforscher andienen – und was schlimmer ist – den wissenschaftlichen Nachwuchs ausliefern.

Literaturhinweise

Bald, Detlef: Die Bundeswehr – Eine kritische Geschichte 1955 – 2005, München, 2005.

Röhl, John C.G.: Kaiser, Hof und Staat – Wilhelm II. und die deutsche Politik, München, 1995.

Sigrist, Christian: Memorandum zur Umbenennung der WWU für die dafür eingesetzte Senatskommission, Münster, 1997.

(1 Wilhelm II. trug einen hochgezwirbelten Schnurbart, dessen Angestrengtheit von seinen Zeitgenossen mit diesem Ausdruck ironisiert wurde.)

________________________________________
Dr. Christian Sigrist ist emeritierter Soziologieprofessor

3 Kommentare zu Christian Sigrist: „Es reicht!“

Ich

25. Juli 2011 um 19:26 Uhr

Veto.

whoever

Sepp

28. Juli 2011 um 15:24 Uhr

Hätte Sigrist sich die Mühe gemacht seinen werten Kollegen auf der anderen Seite der Scharnhorststraße anzurufen, hätte er sich diesen äußerst fehlerhaften und peinlichen Artikel ersparen können. Es empfiehlt sich auch beim Zeitungslesen ein kritischer Blick hinter die Kulissen… Setzen – sechs!

Natalie

28. Juli 2011 um 16:58 Uhr

Ich weiß sachliche Argumente zu schätzen. Im Artikel finde ich welche, in den beiden Kommentaren leider nicht. Stattdessen werden hier blöde Pöbeleien abgelassen. Was soll das?

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