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01Dez2011

Drogen legalisieren: Münsters Polizeipräsident und der Indro-Chef im uFaFo-Interview

von ufafo.ms in Drogenlegalisierung, Repression

Gibt es eine Alternative zur Verfolgung und Kriminalisierung von Drogenkonsumenten? Diese Frage haben wir Hubert Wimber, dem münsterschen Polizeipräsidenten, und Dr. Wolfgang Schneider, dem Geschäftsführer von Indro e.V. (Institut zur Förderung qualitativer Drogenforschung, akzeptierender Drogenarbeit und rationaler Drogenpolitik e.V.) gestellt. Was statt Stigmatisierung und Repression möglich wäre, könnt ihr im folgenden Interview nachlesen. Von Jörg Rostek und Jonas Dessouky.

Jörg: Herr Dr. Schneider, warum nehmen Menschen Drogen?

Dr. Wolfgang Schneider: Das ist ein vielschichtiges Problem und ein weites Thema. Das kann man aber nicht verallgemeinern. Es gibt nicht die Ursachen, sondern das sind vielfältige Faktoren, die da eine Rolle spielen: Umweltfaktoren, Individualfaktoren, Problemlagen, aber auch beispielsweise die Positionsfindung in Jugendgruppen, Nachahmungsbereitschaft, „Dabeiseinzuwollen“, akzeptiert sein zu wollen. Dann nehmen Menschen irgendwelche Substanzen. Der eine bleibt beim kontrollierten gelegentlichen Gebrauch stehen, der andere entwickelt sich weiter bis hin in die Heroin-Szene. Es gibt nicht den Weg in die Drogenabhängigkeit. Genauso wenig wie es die Ursache für mögliche Entwicklungen nicht gibt. Deshalb ist auch die Präventionsarbeit schwierig.

Jörg: Herr Dr. Schneider, Sie sind seit der Gründung des Vereins bei Indro e.V.?

Schneider: Ja, ich habe Indro e.V. mit aufgebaut. Wir haben damals mit einer Studiengruppe im Rahmen eines Forschungsprojektes, „Herauswachsen aus der Sucht“, Indro gegründet; erst an der Werwarthstraße mit einem Kontaktladen für drogenabhängige Menschen und dann hat sich das Projekt weiter entwickelt bis hin zum Drogenkonsumraum, den wir jetzt haben.

Jörg: Herr Polizeipräsident, Sie haben beim 20sten Geburtstag von Indro e.V. gesagt, dass sie sich wünschen, dass in zwanzig Jahren aus dem Drogenkonsumraum ein Coffeeshop geworden ist. Gebe ich das richtig wieder?

Hubert Wimber: Drogenladen hab ich glaub ich gesagt.

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Jörg: Warum haben Sie das gesagt?

Wimber: Weil das das Ende einer Diskussion wäre, die tatsächlich Entkriminalisierung beinhaltet. Herr Schneider hat gerade über Gründe für den Konsum gesprochen. Ich glaube sie gibt es in allen Gesellschaften mit unterschiedlichen Suchtstoffen. Und ich glaube wir haben einschlägige Erfahrung, dass die Kriminalisierung Suchtkranker kontraproduktiv ist. Ich könnte jetzt das Beispiel der Alkoholprohibition in den USA in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts anführen. Da kann man exemplarisch ablesen, wozu die Kriminalisierung von Konsumentenverhalten führt: nämlich zur Bildung krimineller Kartellen auf der Angebotsseite und zweitens zur psychosozialen Verelendung von Teilen der Konsumenten. Wenn wir aktuell Drogenverhalten und Drogenpolitik bei uns beobachten sehen wir wieder genau das gleiche. So dass eigentlich rationale Drogenpolitik zu dem Ergebnis kommen muss, dass Repression kontraproduktiv ist, nichts bringt und in sofern wäre das Ende der Diskussion um die Legalisierung in der Tat ein Drogenladen, in dem die einschlägigen Substanzen unter staatlicher Lizensierung unter Kontrolle und staatlicher Distribution verkauft werden; mit dem entsprechenden Beratungsangebot, was die Suchtpotenziale der jeweiligen Wirkstoffe angeht. Und insofern ist mir der Geschäftsführer des Drogenladens als Vision derjenige, der dann verantwortlich Drogenpolitik und Drogenhandel umsetzt.

Jörg: Am 26.10.11 ging eine Petition in den Bundestag ein. Darin fordern über 30.000 Menschen, die geringe Cannabismenge, bei der Verfahren eingestellt werden können, anzuheben, den Eigenanbau weniger Hanfpflanzen straffrei zu lassen, eine THC-Grenze für den Straßenverkehr zuzulassen und kleine Cannabismengen sollen nicht mehr als Grund für Hausdurchsuchungen oder erkennungsdienstliche Behandlung dienen dürfen. Herr Polizeipräsident, angenommen dies alles käme so, was würde das für die Polizei bedeuten?

Wimber: Erstmal wäre das im Hinblick auf das Szenario, das ich gerade beschrieben habe, ein erster Schritt. Ein bescheidener Schritt, aber ich denke Politik muss auch mit kleinen Schritten vorangehen. Für die Polizei würde das bedeuten, dass wir letztlich weniger Personalstunden im Bereich der Rauschgift- und Drogenkriminalität aufwenden müssten. Das ist aus der Perspektive eines Polizeipräsident natürlich auch ein Aspekt. Es macht keinen Sinn, Personalressourcen, die auch bei der Polizei ein knapper Faktor sind, für Bereiche zu verwenden, wo es erkennbar nichts bewirkt. Würde die Petition umgesetzt, wäre das ein erster Schritt hinzu einem rationalen Umgang mit Cannabisprodukten.

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Jonas: Herr Dr. Schneider, wie heikel halten Sie denn den Konsum von Cannabis, wenn sie mal aus der Sicht eines Experten sprechen?

Schneider: Cannabis ist natürlich eine psychoaktiv wirksame Substanz, die von vielen Jugendlichen genommen wird. Bei dem einen ist es Dazugehören, beim Anderen Problembewältigung. Dies kann natürlich zu einer Verfestigung der Probleme führen, die damit bewältigt werden sollten. Cannabis ist aber eine der wenigen Drogen, die keine Auswirkungen hat, wie Alkohol. Alkohol ist ein Zellgift. Er zerstört Zellen. Wenn ich allerdings von morgens bis abends Cannabis rauche, bekomme ich natürlich auch nichts mehr mit. Aber das soll ja auch nicht das Ziel einer Drogenerziehung sein. Sondern das Ziel einer akzeptanzorientierten Drogenerziehung sollte sein, dass die Leute verbindlich und verantwortlich mit den Substanzen umgehen können und regelorientiert in der Lage sind, den Konsum in ihre Alltagspraxis zu integrieren. So wie das beim Alkohol ist. Das wäre die pädagogische Dimension. Die andere Dimension ist, dass Cannabiskonsumenten natürlich auch diese Substanz missbräuchlich verwenden können – und auch tun. Nur ist das kein Grund und darf und sollte kein Grund sein, die Jugendlichen frühzeitig zu kriminalisieren, indem man das Ganze unter kriminellen Verbotsaspekten sieht. Denn dadurch wird bei manchen der Drogenkreislauf in Gang gesetzt. Es ist schwierig in unserer heutigen Zeit das rüberzubringen, weil es noch sehr starke Drogenängste in der Bevölkerung gibt. Selbst wenn eine Polizeigewerkschaft das Thema Legalisierung anspricht, gibt es großes Geschrei. Diese Ängste sind da und das ist für uns eine wichtige Sache gerade gegen diese Drogenängste was zu tun, sie zu entmystifizieren. Seit Jahrtausenden wird Cannabis konsumiert. In einer Konsumgesellschaft werden Dinge natürlich auch missbräuchlich verwendet. Das kann Kaffee, das kann Schokolade, das kann jede Substanz sein, die psychoaktiv wirksam ist, sein. Aber die meisten Jugendlichen, die Cannabis experimentell oder gelegentlich konsumieren, wachsen aus diesem Konsum heraus, z.B. wenn konventionelle Rollen übernommen werden und wenn es gelingt in der sozialen Integration voranzuschreiten. Dann ist Cannabis irgendwann auch kein Thema mehr. Wenn man aber frühzeitig kriminalisiert, wird es für den Jugendlichen ein Thema; vielleicht sogar soweit, dass er in die härtere Drogenszene abdriftet. Deshalb bin ich schwer für Straffreiheit. In Tschechien ist beispielsweise der Anbau von fünf Cannabispflanzen straffrei. Die Leute, die privat konsumieren, wären dann abgesichert und würden nicht kriminalisiert.

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Jonas: Stichwort Niederlande. Welche Erfahrungen haben unsere niederländische Nachbarn gemacht.

Schneider: Ich habe die Entwicklung mitbekommen. Die Zahlen zeigen eindeutig, dass die absolute Mehrheit der niederländischen Jugendlichen gar nicht auf die Idee kommt, in die Coffee-Shops zu gehen und Cannabis zu konsumieren. Es hat keine Zunahme gegeben. Wir reden immer von denjenigen, die konsumieren. Was ist mit denjenigen, die nicht konsumieren? Obwohl das Angebot da ist, könnten die Leute konsumieren ohne Ende, tun sie aber nicht. Das heißt: das Verbot oder Nicht-Verbot hat im Prinzip keine Auswirkungen. Es kommt auf den Menschen an und den Umständen unter denen er lebt und welche Bedingungen er damit verknüpft. Will ich überhaupt Haschisch rauchen oder trinke ich lieber meinen Alkohol, oder was auch immer? In den Niederlanden gibt es ein sehr erfolgreiches System, das leider Gottes wieder teilweise zurückgenommen wird. Jetzt gibt es eine Fünf-Gramm-Regelung und Ausländern ist der Zugang verschlossen. Die Folgen werden klar sein: die Leute fahren trotzdem in die Niederlande und kaufen wieder auf der Straße – d.h.. es wird wieder zu Zuständen kommen, die Politik und Bevölkerung gar nicht wollen.

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Jörg: Auf der Homepage der Polizeigewerkschaft (DPolG) steht, eine klare Ablehnung der Legalisierung.

Wimber: Es gibt unterschiedliche Polizeigewerkschaften. Die DPolG ist die Gewerkschaft im Beamtenbund, die den konservativen Flügel der Polizei abdeckt. Aber auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) ist sehr vorsichtig, wobei wir hier in NRW, auch auf meine Initiative hin, im letzten Jahr zwei Veranstaltungen hatten, weil wir auch als Polizeibeamte, die verantwortlich in diesem Bereich tätig sind, mit Staatsanwälten sprechen wollten. Wir hatten zwei Forderungen: Erstens war das Ersetzung des Paragraphen 31a durch ein allgemeines Opportunitätsprinzip bei der Strafverfolgung und zum Zweiten Entkriminalisierung von Konsumentendelikten. Insofern ist das Zitat von Ihnen nicht repräsentativ. Aber die Mythologisierung von Drogen, von Substanzen, die dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen, gibt es natürlich auch bei den Gewerkschaften und im Polizeiapparat. Sie werden immer wieder mit den gleichen Argumentations- und Verhaltensmustern konfrontiert. Das, was wir beide als rationale Drogenpolitik bezeichnen, wird auf der anderen Seite als „Dealerstaat“ diskutiert. Und zweitens wird uns das Etikett aufgedrückt, wir würden für das Recht auf Rausch plädieren. Das ist es alles nicht, findet sich aber in Stellungnahmen, wie Sie eine angeführt haben, wieder.

Jörg: Wie würde es denn aussehen, wenn der Staat den Dealern den Markt verderben würde?

Wimber: Es gibt in skandinavischen Ländern staatliche Alkoholmonopole – z.B. was die Distribution angeht. Es gibt dort staatlich lizensierte Verkaufsstellen mit Beratungsangebot in öffentlichen Trägerschaft. Für andere Substanzen gibt es auch Vorbilder. Man müsste schon bei der Produktion in den Herkunftsländern anfangen. Die Frage nach der staatlichen Regulierung ließe sich nur mit völkerrechtlichen Verträgen regeln – und zwar mit den bekannten Hauptanbauländern. Gerade was Kokain und Opiate angeht, ist der Bereich der Produktion überschaubar. Die Bauern, die das anbauen, sollten entkriminalisiert werden. So dass nicht die Warlords, um in Afghanistan zu bleiben, die Macht haben, auf die Anbauflächen und -mengen einzuwirken, sondern eine zentralstaatliche Organisation.

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Jonas: Aber ist die Vorstellung, mit Herstellerländern Verträge auszuhandeln, realistisch?

Wimber: Man muss  mit den Ideen anfangen. Wer die globale Diskussion verfolgt, stellt fest, dass sich bei der Drogenkommission der Vereinten Nationen die Erkenntnis durchsetzt, dass Repression, einsetzen militärischer Mittel in den Anbauländern, nicht zu den gewünschten Erfolgen führt. Da gibt es, wenn auch ganz langsam, in der globalen Diskussion einen Wandel. Aktuell nenne ich hier die „Comission in drug-policy“, in der ja immerhin Leute wie  Kofi Annan und  Javier Solana tätig sind, also Stimmen, die auf der politischen Ebene eine Abkehr vom bisherigen politischen Weg, der ja sehr aufwendig und kostspielig ist, fordern. Das bringt uns einer staatlichen gelenkten Distribution von Substanzen einen Schritt näher. Aber mir ist klar, dass wir momentan noch weit davon entfernt sind.

Schneider: Ich bin da relativ skeptisch, was diese Situation anbelangt, weil ich denke, dass der illegale Drogenhandel ein Riesengeschäft ist. Davon leben unglaublich viele Leute. Mit Drogen kann man Profite machen, die vielleicht nur noch mit Waffenhandelsprofiten vergleichbar sind. Viele Menschen haben kein Interesse daran, dass deren Geschäft durch Legalisierung verhindert wird. Ich meine damit Geschäftsleute, Staaten, Diplomaten. Wären diese Personen nicht beteiligt, würde der Drogenhandel nicht so gut funktionieren. Es sind ja nicht die kleinen Konsumenten vor Ort, die davon profitieren. Diese bekommen nur das gepanschte Zeug. Was in Münster oder in anderen Städten ankommt, hat höchstens einen 10-prozentigen Heroinanteil. Der Rest sind gepanschte Substanzen von Koffein über Milch und Zucker. Da wird alles reingeballert, was ja unter anderem zur Abszessbildung führt. Wenn man bedenkt: Der arme Bauer bekommt nichts dafür, sondern die Leute, die das Zeug veredeln, die Kraken, welche die ganze Welt umspannen. Deswegen denke ich, dass Visionen richtig sind. Es ist  bedeutsam, auf die Probleme hinzuweisen. Es ist die Schwierigkeit einer rationalen Drogenpolitik, den Menschen die Ängste, die jahrzehntelang durch massenmediale Darstellungen geschürt worden sind, abzubauen. Die Mutter, die bei ihrem Kind, ein Krümelchen Haschisch findet, hat doch schon die Panik in den Augen, weil sie denkt, ihr Sohn liegt bereits mit der Spritze im Arm am Bremer Platz. Diese Emotionalisierung auf der einen Seite, verhindert einen rationalen Umgang mit der Drogenpolitik. Und die Ökonomisierung. Denn alle die von diesem Geschäft leben, sind daran interessiert. Nicht der kleine Dealer am Bahnhof, sondern vor allem diejenigen, die damit richtig Geld machen. Diese Leute sitzen meist nicht in den Gefängnissen.

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Wimber: Das ist richtig. Aber man braucht bei aller Skepsis eine Vorstellung von Alternative. Auf Dauer ist es nicht rational, diese Riesengewinne den kriminellen Strukturen zu überlassen. Die Kosten für Anbau und Distribution sind nach unseren Schätzungen – je nach Intensität der Repression – zwischen 10 und 20 Prozent der Marktpreise. Das heißt es gibt im Drogenhandel 80 bis 90 Prozent Gewinnspanne. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass aufgrund der kriminellen Strukturen auf der Angebotsseite die Preise künstlich erhöht sind. Das hat mit den ökonomischen Folgesituationen auf der Seite der Konsumenten zu tun, also im Bereich etwa der Opiaten die Beschaffungskriminalität, was für uns auch ein Problem ist. Also: die Gewinne fallen kriminellen Organisationen zu und der Staat macht ein bisschen Reparaturbetrieb. Er macht dies in erster Linie durch Repression und in zweiter Linie durch Beratung, Prävention, der Behandlung der gesundheitlichen Folgen. Das ist unter ökonomischen Gesichtspunkten völlig irrational.

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Jonas: Aber warum hört man diese Argumentationslinie aus der politischen Führungsschicht so selten? Warum ist der Staat so eindeutig positioniert? Was sind die Gründe?

Wimber: Nach meiner Überzeugung gibt es zwei wesentliche Faktoren dafür. Es gab vor Kurzem eine Anfrage im Bundestag auf die kleinen Anfrage eines linken Abgeordneten. In den Antworten zeigt sich schon, wie irrational die Geschichte ist. Es wird Bezug genommen auf den Kommissionsbericht „On drug policy“. Die Frage war, was konkret für die Entkriminalisierung getan würde. Die Antwort der Bundesregierung war, dass sie bereits alles getan hätten. Trotz aller fachlichen Diskussion sei alles getan worden. Das ist ein Stück weit die Leugnung der Realität. Der zweite Grund ist vor dem Hintergrund einer willkürlichen Trennung zwischen legalen und illegalen Drogen, dass sich die Fraktion derjenigen, die Alkohol konsumieren und Zigaretten rauchen, wunderbar legitimatorisch entlasten kann; auf der einen die guten Drogen, auf der anderen die schlechten. Das ist ein Argumentationsmuster, das ich vor allem von konservativen Politikern immer wieder höre. Wenn ich denen dann sage: „das Oktoberfest ist eigentlich die größte offene Drogenszene der Welt“ gucken sie mich ganz entgeistert an und meinen, Alkohol sei doch ein abendländisches Kulturgut. Das sind die beiden Muster: auf der einen Seite die Angst, als Verfechter des freien Rausches für freie Bürger an die Wand genagelt zu werden, und auf der anderen Seite ist da die Verdrängung.

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Jonas: Gibt es Interessen, die durch diese Mechanismen besonders geschützt werden?

Schneider: Die Interessen sind nicht offen erkennbar. Sie werden nicht als Interessen in die Öffentlichkeit getragen. Es gibt Leute und Apparate, die ein Interesse daran haben, dass alles so bleibt wie es ist. Damit meine ich auch die Drogenhilfe. Genauso wie die Repression oder die Gefängnisse. Das kostet unglaublich viel Geld. Da hängen Arbeitsplätze daran. Die Interessen werden nicht dominant vertreten, sondern eher unterschwellig durch Verbände und konservative Drogenhilfeverbände, die den status quo erhalten wollen, weil sie die Interessen der therapeutischen Einrichtungen vertreten. Da rede ich auch von unserer Einrichtung. Unter anderen Bedingungen wäre eine andere Drogenhilfe möglich; eine Drogenhilfe, die den Menschen nicht als kriminalisiertes stigmatisiertes Wesen sieht, sondern als Mensch, der vielleicht krank ist, weil er eben die Drogen nehmen muss und nicht, weil er sich jetzt gegen den Staat oder die Gesellschaft verhalten hat. Es wäre ein anderer Umgang möglich. Und dann kommt noch die Emotionalisierung. Wenn ich öffentlich so über das Thema spreche, dann dauert es keine fünf Minuten, dann meldet sich eine Mutter, die von ihrem Kind erzählt, das gerade Cannabis konsumiert hat und ich werde als Verführer der Jugend, der das jetzt auch noch frei geben will, dargestellt. Dabei geht es mir nicht um Freigabe. Ich will aber um Gottes Willen keine Freigabe, sondern eine staatlich kontrollierte lizensierte Form der Drogenabgabe und mit präventiven wie auch immer gearteten Maßnahmen, die die Leute in die Lage versetzt, gemeinsam mit pädagogischen Maßnahmen, ohne sie zu bevormunden, kontrolliert, um selbstverantwortlich mit Drogen umgehen zu können. Wie mit Alkohol auch.

Wimber: Es gibt Fachrichtungen, die, was die Legalisierung von Drogen angeht, sehr skeptisch sind. Zum Teil auch aus guten Gründen. Aber ich glaube, was es uns schwierig macht ist der irrationale und emotionale Umgang mit dem Thema. Der Parteitag der Linken hat ja am Wochenende in Erfurt eine weitestgehende Freigabe von BTM-Substanzen beschlossen. Die Reaktion nicht nur konservativer Politiker, sondern auch von 98 Prozent der veröffentlichten Meinung ist ja nicht zu sagen: „Wow, super, endlich mal ein rationaler Umgang mit Drogen“, sondern es kommen genau die Argumente, die wir gerade erwähnt haben. („Jetzt spinnen die und sind völlig abgedreht!“). In der grünen Diskussion gab es diese Etikettierung auch schon. Die werden schnell als nicht mehr politikfähig abgetan. Gegen diese Boulevardmeinung, die weit über die Bildzeitung hinausgeht, ist es ausgesprochen schwierig mit rationalen Argumenten gegen an zu argumentieren.

Jörg: Herr Dr. Schneider, sie haben 10 Jahre für den Konsumraum am Bremer Platz gekämpft.

Schneider: Als wir Indro gegründet haben, gab es bereits Konsumräume in Frankfurt, aber halb illegal. In Bremen wurde das auch versucht, ebenfalls halb illegal. Dann haben wir 1991 den ersten offiziellen Antrag auf Einrichtung eines Drogenkonsumraumes ans Ministerium in NRW gestellt. Dazu müssen natürlich auch die gesetzlichen Grundlagen da sein. Es musste also auch das Betäubungsmittelgesetz geändert werden. Da war dann 10 Jahre lang ein hin und her. Die Grünen haben sich dafür ausgesprochen. Die SPD teilweise und ist dann wieder zurück gerudert. Die CDU war erst voll dagegen. Das ist von unserer Seite reine Lobbyarbeit vor Ort gewesen. Die CDU Münsters ist dann irgendwann nach Frankfurt gefahren und hat sich dort den Konsumraum angeschaut und hat dann schließlich auch „ja“ gesagt. In Münster hatten wir dann einen einmaligen Konsens zwischen allen Parteien. Das war schon eine gute Sache. Da haben viele Menschen daran mitgearbeitet – aus allen Parteien. Wir haben das dann auch mit Hilfe der Verwaltung relativ problemlos umsetzen können.

Jörg: Welchen Vorteil hat Münster durch die Anwesenheit eines Konsumraums?

Schneider: In Nordrhein-Westfalen gibt’s 12 Drogenkonsumräume, in der ganzen Bundesrepublik 26 und Münster ist ja nur eine mittelgroße Stadt, die einen Drogenkonsumraum hat. Das ist natürlich nicht die Lösung des Drogenproblems, das ist mir völlig klar, es hat auch durchaus ordnungspolitische Gründe. Zum Beispiel die Leute von der Straße in den Konsumraum hinein zu bringen. Und deswegen sage ich immer wieder auf allen Veranstaltungen: diese Erwartungshaltung, dass damit irgendwie die Drogenszene oder sonst was verschwinden würde, ist völlig irrational. Die Konsumenten haben die Möglichkeit, unter hygienisch kontrollierten Bedingungen in unseren Räumlichkeiten zu konsumieren. Dass wir ihnen Hilfe anbieten können. Das bedeutet „safer use“, Hygienemaßnahmen und so weiter. Aber sie sind weiter abhängig, sie müssen sich weiterhin ihren Stoff besorgen, sie müssen weiter in die Szene gehen, sie müssen weiter Beschaffungskriminalität begehen. Das sehen wir ja nach fünf Tagen, wenn das Geld ausgezahlt ist, am Anfang des Monats quillt der Konsumraum quasi über. Nach fünf Tagen ist das wieder vorbei, weil das Geld weg ist. Dann heißt es, wie komm ich an Geld, wie kann ich das alles regeln und organisieren? Und das ist ja der Grund, das könnte man durch Entkriminalisierungsprozesse in den Griff kriegen, das könnte man durch staatlich kontrollierte Legalisierung in den Griff kriegen. Und genauso auch für diese gepunchten Substanzen: Qualitätskontrollen! Staatlich organisierte Qualitätskontrollen! Genauso wie beim THC, also beim Cannabis. Wenn es denn stimmt, dass immer mehr Cannabis auf den Markt kommt, was jetzt angeblich was weiß ich was für einen THC-Wert hat, was die Jugendlichen alle durchdrehen lässt, wenn das stimmt ist das nur noch mehr ein Grund für eine Legalisierung, denn dadurch könnten wir staatlich kontrolliert einen THC-Wert festlegen, der kann dann nicht übersteigert werden, wie bei anderen Sachen auch, kontrolliert werden, das das auch so bleibt. Und insofern ist das alles für mich ein bisschen irrational.

Jonas: Die Legalisierung, also die staatliche Kontrolle, wie sie sagten, garantiert ja auch eine gewisse Reinheit der Droge.

Schneider: Genau.

Jonas: Können Sie uns vielleicht Zahlen nennen, wie viele Todesopfer gepunchtes Heroin fordert?

Schneider: Das ist natürlich jetzt ganz schwierig, das auf gepunchtes Heroin zurückzuführen. Aber die Todeszahlen gehen ja seit Jahren langsam aber kontinuierlich zurück. Das will ich jetzt nicht auf den Erfolg der Drogenkonsumräume zurückführen, ganz bestimmt nicht. Kausal kann man das nicht herleiten, aber es hat damit was zu tun, nämlich mit Hygienemaßnahmen, mit Infektionsprophylaxe und so weiter. Die Drogenabhängigen werden älter.

Jörg: Sie besuchen auch Leute zuhause?

Schneider: Ja, das machen wir im Rahmen vom ambulant betreuten Wohnen, denn wir haben ja einige Wohnungen in der Stadt und da machen wir Hausbesuche. Das machen wir auch, ja.

Jörg: Welchen Altersdurchschnitt haben die Leute, die zu Ihnen kommen und die Sie betreuen?

Schneider: Ich sag mal, zwischen 25 und 50 Jahren ist alles vertreten. Wir haben aber auch ein paar jüngere und noch ältere. Und die werden immer älter. Das erzähle ich auch ständig der Stadt: Da kommen Kosten auf die Stadt zu, die sie noch gar nicht absehen können, denn man kann sie nicht in normale Altersheime stecken, nur als Beispiel. Das ist unmöglich, die brauchen ihre Drogen, die brauchen ganz andere hygienische Maßnahmen, die brauchen, sagen wir mal, eine Konsummöglichkeit und und und.. Aber gut, es soll ja kein Geld ausgegeben werden. Das darf man ja nicht so groß und laut sagen, aber es kostet Geld. In Holland haben sie die ersten Maßnahmen ergriffen, da gibt’s Altersheime für drogenabhängige Menschen so auch das Projekt Lüsa in Unna, die fangen an, Lösungen für solche Probleme zu konzipieren.

Jörg: Jetzt ist das ja auch eine Drogenforschungsstelle, die sie betreiben.

Schneider: Ja, nicht mehr so intensiv wie früher, aber wir haben einige Forschungsprojekte durchgeführt, also zu Cannabis beispielsweise, zu Langzeitcannabiskonsum haben wir eine Studie gemacht, zu Ecstasy haben wir eine Studie gemacht und vor allem unsere große Studie „Herauswachsen aus der Sucht“, wo wir eben auch gezeigt haben, dass es nicht den Drogenabhängigen gibt, der zwangsläufig in die Abhängigkeit driftet und sozusagen dann die einzigen Alternativen Knast, Tod oder Therapie wäre, sondern dass es Möglichkeiten des Umgangs mit Drogen gibt, auch mit Opiaten, die also nicht zwangsläufig in gesundheitliche oder soziale Verelendung führen muss. Denn es gibt diese Menschen, die kontrolliert in der Lage sind, auch Heroin zu konsumieren. Ich sehe das immer samstags, wenn ich den Spritzenautomaten fülle, dann kommen Leute vorgefahren, die steigen aus dem Auto und ziehen sich ihre Spritzen – die habe ich noch nie in unseren Räumlichkeiten gesehen – und fahren wieder weg. Also die gibt es. Und das haben wir damals durch unser Forschungsprojekt erstmals in der Bundesrepublik zeigen können. Weil dieses Bild –  so was darf’s gar nicht geben, so was ist ja unmöglich, Sucht, das ist eine Einbahnstraße, da darf man gar nicht drüber nachdenken, dass es auch Menschen gibt, die damit umgehen können.

Wimber: Aber auch da sind die Bilder eben die, die auf der Straße konsumieren, die Verelendungsproblematik, und das setzt sich fest.

Schneider: Genau. Und das, denke ich, ist mit der wichtigste Aspekt auch für unsere Arbeit, immer wieder den Leuten zu zeigen: So! Es geht auch anders –  ohne Stigmatisierung und ohne Kriminalisierung.

Jonas: Ich hätte noch eine Frage an Sie, Herr Wimber: Was steht als Polizeipräsident in Ihrer Macht, sich für diese Projekte einzusetzen? Arbeiten Sie da ganz konkret dran oder haben Sie nur eine Meinung, die Sie hier und da äußern, oder haben Sie konkret auch Initiativen in die Welt gerufen?

Wimber: „Nur eine Meinung“ würde ich so nicht gelten lassen. Also ich finde, da vieles ja sozusagen Bewusstseinsbildung ist in diesem Bereich, ist das Sich-Äußern zu diesem Thema die eine Seite der Medaille. Und ich glaube, wenn das jemand macht, der eine relativ herausgehobene Funktion innerhalb der Polizei hat, wird da doch noch ein bisschen mehr hingehört, als wenn es nur die Sozialarbeiter- – Entschuldigung – und Medizinerfraktion ist. Aber es gibt natürlich auch konkrete Ansätze. Sicherlich. Also wir haben als Polizei Münster die Einrichtung dieses Drogenkonsumraums engagiert mit unterstützt und gefördert. Also wir waren nicht zum Überzeugen da, sondern wir waren sozusagen mit Treiber in der politischen Umsetzung, aus den Gründen, die ich schon erläutert habe. Es macht polizeilich keinen Sinn, hinter Drogenkonsumenten herzulaufen, das ist eine Verschwendung polizeilicher Ressourcen. Der Gewinn des Drogenkonsumraums in Münster, neben der Empathie für die Drogenabhängigen und den Bedingungen, unter denen konsumiert wird, ist natürlich auch ein sehr stark ordnungspolitischer – Herr Dr. Schneider hat gerade darauf hingewiesen. Die Frage der Konsumvorgänge, insbesondere von Heroinabhängigen im öffentlichen Raum war ein öffentlich diskutiertes Thema in der Stadt. Wir hatten eine Inbesitznahme von öffentlichen Räumen, sowohl von Dealern, als auch von Konsumenten. Das war der gesamte Bereich vom Bahnhof bis zu den Aaseekugeln entlang der Promenade. Wir hatten ein Problem mit gebrauchten Spritzen auf den Kinderspielplätzen entlang der Promenade. Insofern hat Münster einen Mehrwert, auch als Community, von diesem Drogenkonsumraum, weil die Entlastung des öffentlichen Raumes ist belegbar eingetreten nach Inbetriebnahme des Drogenkonsumraums. Ich plädiere dafür, auch in den Informationskanälen, die ich habe, dass wir der Umsetzung einer diamorphingestützten Behandlung näherkommen. Das wäre sozusagen der nächste Schritt, also die staatliche Verordnung von Diamorphin für Schwerstabhängige in diesem Bereich. Das wäre aus meiner Sicht der nächste konsequente Schritt, um auch den Bereich der Verelendung, der Beschaffungskriminalität mit in den Griff zu bekommen. Das sind konkrete Projekte. Und natürlich die Absprache mit der Staatsanwaltschaft hier in Münster, dieses strafrechtliche Graufeld nach dem Betäubungsmittelrecht für die Polizei handhabbar zu machen. Nach dem Legalitätsprinzip muss die Polizei bei jedem Anfangsverdacht eingreifen und tätig werden und ermitteln. Aber wir können natürlich keine Polizeibeamten vor die Drogenkonsumräume stellen und sozusagen die Konsumenten filzen nach dem Motto: Ist das wirklich nur die geringe Menge für den Eigenbedarf, die du dabeihast? Und da bedarf es dann Absprache mit der Staatsanwaltschaft, um das auch dealen zu können. Weil wir stehen sehr nah im Bereich der „Strafvereitelung im Amt“ beim Umgang mit dieser Drogenszene. Also insofern hat das, was ich an Meinung vertrete, in der Umsetzung natürlich ganz praktische Konsequenzen.

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Jörg: Sie sind von der Landesregierung damals gerüffelt worden, wie ich gelesen habe. Wegen Ihrer drogenpolitischen Äußerungen?

Wimber: Also erstens: Ich bin nicht gerüffelt worden. Ich muss darauf hinweisen, als es mal wieder öffentlich wurde, gab es eine schwarz-gelbe Landesregierung. Ich bin von einigen CDU-Landtagsabgeordneten gerüffelt worden, auch von einigen, die hier aus der Stadt kommen. Herr Sternberg hat mir vorgeworfen, ich sei jetzt auf einem Alt-68er-Trip. Ich habe ihm hinterher gesagt: Eine Diskussion auf diesem Niveau, Herr Sternberg, führe ich mit Ihnen nicht. Die Landesregierung und der Innenminister, ein Liberaler mit einem CDU-Staatssekretär, hat mir eher im Vertrauen gesagt: Eigentlich haben Sie ja Recht, Herr Wimber. Insofern hat es keinen Rüffel der Landesregierung gegeben, sondern nur Kritik aus den bekannten politischen Kreisen.

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Jörg: Diese politischen Kreise –  Sie haben vorhin gesagt, es gibt Ängste. Werden die auch geschürt und wenn ja, wie?

Wimber: Durch die Medien teilweise. Ich will das jetzt nicht verallgemeinern, aber das sieht man ja immer, wenn neue Substanzen auf den Markt kommen. Badesalz, gegrillte Bananenschalen, Hortensien war vor kurzem das Thema usw. Da wird ja direkt immer so aufgebauscht und dann rufen die teilweise bei uns an, ob wir jetzt einen Abhängigen von Fliegenpilzen hätten, den müssten sie jetzt unbedingt interviewen. Dann wird das richtig in den Medien festgesetzt und die Leute, die das gucken, die sind natürlich direkt wieder „owei owei“.  Jetzt ist da die Sache mit „Crocodile“. Angeblich waren ja in Bochum vier Konsumenten, die Hautveränderungen hatten und innere Organschäden und die hatten sich ihre Sachen, Heroin oder was weiß ich, selber mit irgendwelchen Substanzen zusammengekocht und das konsumiert und vor Ort hat man dann gedacht: Oh, das russische Crocodile, also Croc, das ist Benzin oder was ich weiß auch nicht genau wie das gemischt wird. Es ist also ein billiger Ersatz für Heroin, noch billiger und der wäre jetzt angeblich im Anmarsch auf die Bundesrepublik Deutschland. In allem Medien stand das. Ihr habt davon bestimmt auch mitgekriegt. Jetzt werden wir von Russland auch noch mit DIESEN Sachen bombardiert. Das hat natürlich Folgen in den kognitiven Landkarten der Bevölkerung. Das setzt sich fest. Und dann kommen wieder Cannabis, angeblich steigt das ja wieder ein bisschen. Das wird alles gesteuert, aber ich weiß nicht von wem und wodurch. Das hat auch politische Konsequenzen. Dann kannst du nicht hingehen und dich in eine Diskussion da hinstellen und sagen wir müssen legalisieren und so weiter. Dann ist es aus. Ich war ja schon mal in der BILD-Zeitung mit großem Porträt, wo mir vorgeworfen wurde, ich verführe die Jugend. Nur weil wir Faltblätter entwickelt haben für Konsumenten, dass sie, wenn sie konsumieren, sachgerecht und gesundheitspräventiv damit umgehen sollen. Dadurch wirst du schon zum Befürworter von Drogenkonsum. Das meinte ich vorhin auch mit Emotionalisierung. Das wird auch – von wem auch immer, wie auch immer, von den konservativen Kräften – ich kann sie jetzt nicht festmachen – geschürt.

Schneider: Es sind ja auch die Bilder. Es gibt ja in der Tat diese Verelendung in Folge von psychoaktiven Substanzen. Die Bilder von Christiane F. – die Kinder vom Bahnhof Zoo –   da fing das an, das Dilemma, und geht bis heute zu kleberschnüffelnden Straßenkids in St. Petersburg. Das ist ja sozusagen das, was über die Medien transportiert wird und ich glaube das ist im Bewusstsein vieler Leute drin. Wenn wir anfangen, über Legalisierung zu reden, endet es genau in diesen Bildern. Und das ist sozusagen ein Kreislauf, den man versuchen muss, argumentativ ein bisschen zu hinterfragen und zu durchleuchten.

Jörg: Aber wenn Sie nicht die Jugend verführen, wer verführt denn dann die Jugend?

Schneider: Was heißt denn „verführt“? Die Jugend ist genauso gut drauf und schlecht drauf wie wir früher gut drauf und schlecht drauf waren. Aristoteles hat schon gesagt damals: Die Jugend, um Himmels willen, da bricht alles zusammen in der Gesellschaft, wenn man denen freien Lauf lässt. Das ist ganz normal, das gehört zur Entwicklungsaufgabe dazu und in unserer Konsumgesellschaft gehört es eben dazu, auch mit Substanzen als Entwicklungsaufgabe umgehen zu lernen. Und das kann man nicht durch Verbote regeln. Das ist der falsche Weg.

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Jörg: Ist Ihr Verhältnis zur Landesregierung jetzt besser, Herr Wimber? Ist der Wechsel spürbar?

Wimber: Der Wechsel ist an einer Stelle spürbar: die geringen Mengen zum Eigenbedarf aufgrund einer Richtlinie des Justizministeriums sind wieder angehoben worden, die sind ja bei den so genannten „harten Drogen“ – Amphetamine, Kokain und Heroin auf Null gesenkt worden und halbiert worden, was Cannabis anbelangt. Wir sind jetzt sozusagen wieder auf dem alten Level. Das ist natürlich im Hinblick auf die Entkriminalisierung die richtige Richtung. Insofern hat sich etwas geändert an diesem Punkt, wobei insgesamt das Thema illegale Drogen auch unter dieser Landesregierung  –  abgesehen von den Linken – auch ansonsten parteipolitisch nicht ein Leitthema in der Diskussion ist, es spielt also eine nicht ganz so große Rolle. Wenn man sich die Bundesdrogenbeauftragte anguckt, aber auch schon ihre Vorgängerin, ist es sehr stark ausgeblendet worden. Es ist vielleicht aus guten Gründen sehr stark fokussiert worden auf Alkohol und Nikotin. Aber das Thema BTM-Substanzen spielt eigentlich gesamtpolitisch momentan keine große Rolle.

Schneider: Das ist genau der Punkt. Es ist so eine Entpolitisierung feststellbar.

Jonas: Obwohl die Piraten mit ihrer Forderung dann doch für Aufsehen gesorgt haben.

Schneider: Sie erregen Aufsehen, aber das wird dann wieder, na ja.

Wimber: Es heißt dann: „Die werden sich noch finden“, Stichwort „Ein-Themen-Partei“. Insgesamt ist es in der herrschenden Diskussion kein großes Thema.

Schneider: Ich stelle das auch in der Drogenhilfe fest. Es ist eine drogenpolitische Lähmung festzustellen. Man kümmert sich nur noch um den eigenen Bereich, weil die Ängste da sind. Stellen werden gestrichen, Gelder werden gestrichen. Wir müssen ständig gucken, dass wir Gelder für Projekte aquirieren. Das steht im Zentrum der Drogenhilfe. Wir haben es versucht mit dem Landesverband von „Akzept“. Wir hatten letztes Jahr eine Tagung zum Thema Ökonomisierung der Drogenhilfe und ihre Auswirkungen. Aber keiner traut sich mehr öffentlich zu sagen, er sei gegen Drogenkriminalisierung. Das macht keiner mehr von den großen Drogenhilfeeinrichtungen. Das wird nur noch unter vorgehaltener Hand diskutiert. Das führt auch dazu, dass es politisch nicht auf der Tagesordnung steht. Und dass es keine Aufbruchstimmung mehr gibt. Früher gab es nur die abstinenzorientierte Drogenarbeit. Meine Ansicht mag sehr subjektiv sein, aber ich komme auch sehr viel herum und ich stelle das an vielen Orten größtenteils fest.

Jörg: Ist das auch im Forschungsbetrieb so? Qualitative Forschung?

Schneider: Da spielt sich gar nichts ab. Es geht nur um die Faszination der großen Zahlen. Damit kann man ja auch die Politik gut beeindrucken. Aber mit dem qualitativen Ansatz, dem subjektivem Ansatz, mit dem Erlebnisgehalt der Menschen selber, der Konsumenten. Das interessiert doch gar keinen: ihre Biografien, wie sie gelernt haben mit Drogen umzugehen oder wie sie gelernt haben aus der Drogenabhängigkeit herauszuwachsen. Das interessiert nicht. Nur die großen Zahlen: so viel steigen aus, so viel steigen ein, soviel werden mit Methadon behandelt. Das interessiert. Ich habe mich aus der Forschung zurückgezogen und nicht mehr den besten Überblick. Aber was ich mitbekomme ist eine Quantifizierung der gesamten Drogenforschung. Es geht um Zahlen und um Messvorgänge.

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21 Kommentare zu Drogen legalisieren: Münsters Polizeipräsident und der Indro-Chef im uFaFo-Interview

Moritz

1. Dezember 2011 um 16:11 Uhr

interessant, vielen Dank!

Gudruna Grökel

2. Dezember 2011 um 17:10 Uhr

Korrekter Artikel von jemandem, der selber denkt und genug Mumm hat, das auch auszusprechen! Nicht, das dies alles unbekannt wäre, aber es wird doch gerne so getan, als ob alles schlimm und Verbote die einzige Möglichkeit wären, damit umzugehen… Somit wird diese „illegale Einnahmequelle“ auch weiterhin erhalten bleiben…

Micha

2. Dezember 2011 um 17:27 Uhr

Ich persönlich bin da eher für Legalisierung aus Vernunft. Sie schwächt die organisierte Kriminalität und bringt Steuermilliarden, z. B. für mehr Arbeit, Bildung, Rente…

CDUler

5. Dezember 2011 um 11:43 Uhr

Das hört sich ja an als ob dieser Polizeipräsident bei dieser Piratenpartei wäre.
Die haben wohl gestern genau das selbe auf dem Parteitag beschlossen.

Wollen jedem Drogen geben.

D.

5. Dezember 2011 um 12:46 Uhr

@CDUler:

DAS war ja mal wieder eine Aussage die platter und undifferenzierter nicht sein konnte…

Es geht doch, wie auch im Interview mehrmals deutlich beschrieben, eben NICHT darum jedem Drogen zu geben – sondern die Abgabe staatlich zu kontrollieren. Eben solche Aussagen, also die ihrigen, sind nämlich das Problem unserer Gesellschaft.

Trinken Sie sich heute Abend ein Bier zum Abendessen? Oder vielleicht einen Wein zum Musikantenstadl?? Na dann Prost…

hanf statt Schulden

5. Dezember 2011 um 12:54 Uhr

Das die das erst jetzt Kapieren ? PEINLICH DASS EIN MANN DES GESETZES DAS SAGT WAS ALLE WISSEN. & WIR TROTZDEM WEITER DER KORRUPTION & KRIMINELLEN BANDEN AUSGESETZT WERDEN.

AUFWACHEN MIT HANF STATT SCHULDEN

https://www.facebook.com/pages/Hanf-statt-Schulden/193924034015346

Jörg Rostek

5. Dezember 2011 um 15:26 Uhr

Hallo Leute,

anbei hier die CDU-Reaktion auf das Interview:

Landtag soll Absetzung von Polizeichef Wimber prüfen
http://www.muensterschezeitung.de/lokales/muenster/Landtag-soll-Absetzung-von-Polizeichef-Wimber-pruefen;art993,1489248

Drogen legalisieren: Münsters Polizeipräsident und der Indro-Chef – uFaFo | Lecithol Blog

5. Dezember 2011 um 18:22 Uhr

[…] weiter lesen… Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein von Lecithol Team. Permanenter Link des Eintrags. […]

Peter Mai

6. Dezember 2011 um 02:28 Uhr

Liebe Mitmenschen,

tolles Thema mit sehr guter Wirkung zur Aussenwelt.
Großartige Arbeit von Jörg und seinem Team.

Danke, Jörg für diese gute Arbeit und weiter so.

Grüß
Peter

Jörg Rostek

6. Dezember 2011 um 13:48 Uhr

Pressemitteilung des unabhängigen Fachschaftenforums (uFaFo)

Drogenlegalisierung: Inhalte, nicht Personen diskutieren

06.12.11, Münster. Das unabhängige Fachschaftenforum reagiert mit Unverständnis auf die Reaktionen aus der CDU NRW auf das Interview zum Thema Drogenlegalisierung mit dem Polizeipräsidenten Hubert Wimber und dem Geschäftsführer von Indro e.V., Dr. Wolfgang Schneider. Selbstverständlich dürfe sich auch ein Polizeipräsident zum Thema Drogenpolitik äußern, so die studentische Hochschulgruppe.

Einen Schaden für die Polizei sehen die Studierenden nicht, im Gegenteil: Durch das Interview sei klar geworden, dass sich auch die Polizei kritisch mit Gesetzen, die sie ausführen und bewahren muss, auseinandersetzt. So ist Hubert Wimber auch nicht der erste Polizeipräsident, der die Legalisierung von Drogen unter staatlicher Aufsicht fordert. Laut Schildower-Kreis tat dies der Dortmunder Polizeipräsident Wolfgang Schulz bereits 1992 und der Stuttgarter Polizeipräsident Volker Haas im Jahr 1994.

„Wir warnen vor einer Emotionalisierung der Debatte. Es gilt, sich mit Argumenten auseinanderzusetzen und nicht mit Personen“, sagen Jörg Rostek und Jonas Dessouky, die Initiatoren des bekannten Interviews. Sie ergänzen: „Wir dürfen nicht aus dem Blick verlieren, worum es eigentlich geht, nämlich die Ursachen von Drogenkonsum zu bekämpfen, kriminelle Strukturen auszutrocknen und Abhängigen die Chance zu eröffnen, aus der Sucht herauszuwachsen.“

Drogen legalisieren: Münsters Polizeipräsident und der Indro-Chef im uFaFo-Interview
http://ufafo.de/blog/2011/12/drogen-legalisieren-munsters-polizeiprasident-und-der-indro-chef-im-ufafo-interview/

Reaktion der CDU NRW in der Münsterschen Zeitung
http://www.muensterschezeitung.de/lokales/muenster/Landtag-soll-Absetzung-von-Polizeichef-Wimber-pruefen;art993,1489248

Homepage des Schildower Kreises
http://www.schildower-kreis.de/themen/Wimber_und_Schneider.php

Micha

7. Dezember 2011 um 08:50 Uhr

Micha

7. Dezember 2011 um 08:55 Uhr

Micha

7. Dezember 2011 um 10:23 Uhr

NRW-Polizeichef will Legalisierung | crazy neighbours

7. Dezember 2011 um 14:18 Uhr

[…] wirklich lesenswerter Beitrag zu mehr Verständnis in der Drogenpolitik. Das ganze Interview lesen. Share on […]

Jochen Hesping

6. Januar 2012 um 15:08 Uhr

Der Paritätische im Kreis Steinfurt steht uneingeschränkt zu der Anregung des münsterischen Polizeipräsidenten Hubert Wimber, bestimmte Drogen staatlich kontrolliert abzugeben. Norbert Klapper, Vorsitzender der Kreisgruppe, der über 40 Jahre im Polizeidienst tätig war, äußerte sich gestern in einer Pressemitteilung: „Die Drogenpolitik ist gescheitert, und zwar schon seit vielen Jahren.“ […]

(Quelle: Für die kontrollierte Freigabe, WN)

Jochen Hesping

6. Januar 2012 um 15:18 Uhr

 by www.ufafo.ms

24. Januar 2012 um 12:28 Uhr

[…] Verschicken! […]

"die da"

1. Februar 2012 um 22:47 Uhr

Es ist mal wieder typisch, dass, wenn es um ein Thema geht das nicht in den Köpfen der Masse etabliert ist, persönliche Denunzierung statt findet. Es ist doch großartig, dass sich Menschen wie Herr Wimber und Herr Schneider, die Ahnung von dem Thema der Drogenpolitik und dessen Auswirkungen oder auch Nicht-Auswirkung auf den Konsum haben, sich öffentlich äußern. Es ist auch wichtig, da sehr viele Bürger aus allen sozialen Schichten illegale Drogen konsumieren. Und wenn die bisherige Drogenpolitik nichts an den Umständen verbessert und verändert hat ist es nur legitim nach Alternativen zu suchen und diese versuchen umzusetzen. Seit es Menschen gibt gab es auch Menschen die sich berauschen, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Für einige ist es Medizin, wenn sie einen verantwortungsbewussten Umgang mit Rauschsubstanzen pflegen. Gefährlich wird es, wenn Menschen, die auf Drogen als Medikament zurück greifen müssen, weil sie ihr Leben und Seinszustand dadurch besser geordnet bekommen, kriminalisiert werden und auf gepanschte Substanzen zurück greifen müssen. Zum Glück gibt es schon für ADHSler Amphetamin auf Rezept, damit diese Menschengruppe besser durchs Leben kommt. Und dass bei so einigen Leiden Dope zur Linderung von Symptomen beisteuert ist auch nicht zu leugnen, außer von Personen die es nicht brauchen und ja auch nicht konsumieren müssen. Aber denen wird ihr Alkohol zur Entspannung nach getaner Arbeit ja auch nicht verteufelt. Es ist wichtig, für neue gesellschaftliche Anerkennung von Personengruppen zu sorgen, die keine Gefahr für andere darstellen, sondern ausschließlich glücklich und zufrieden und gesichert mit guten Substanzen berauscht sein wollen, damit das Leben erträglicher ist. Mit der Legalisierung von Hasch würden vieleicht auch bei vielen Konsumenten Paranoia entfallen, weil sie keine Angst mehr hätten, etwas verbotenes zu tun und nicht erwischt zu werden und dann ihre berufliche Laufbahn gefärdet ist. Ich bin sehr dankbar für dieses offene Interview und sehe positiv in die Zukunft von Entkriminalisierung von Drogenkonsumenten.

  uFaFo-Buchtipp: „Entkriminalisierung von Drogenkonsumenten – Legalisierung von Drogen“ by www.ufafo.ms

19. Juni 2012 um 21:06 Uhr

[…] Es handelt sich dabei um das Interview über die Legalisierung aller Drogen, dass auch auf unserer Homepage ungekürzt zu finden […]

Stadt erteilt münsteraner Cannabis Social Club eine Absage / Rat entscheides | Homepage von Jörg Rostek

30. April 2015 um 16:24 Uhr

[…] dazu sei euch ein Interview mit Polizeipräsident Hubertus Wimber und Wolfgang Schneider (INDRO) ans Herz […]

Statistik: Diese Drogen nimmt Deutschland

16. Juni 2015 um 15:21 Uhr

[…] Toten durch legale und illegale Drogen | Blogrebellen 6 Was Promis über Drogen denken | NEON 7 Interview zum Thema Drogenlegalisierung | Fachschaftenforum der Universität Münster 8 USA: Steuern auf illegale Drogen | Zoon […]

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