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20Feb2012

„More of the Same“

von ufafo.ms in Drogenlegalisierung, Repression

Gastkommentar zur neuen Drogenstrategie der Bundesregierung
von Dr. Wolfgang Schneider

Soeben legte die Bundesdrogenbeauftragte Mechtild Dykmanns eine neue nationale Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik vor. Diese nationale Strategie löst somit den alten Aktionsplan Sucht von 2003 ab. Hauptziele der nationalen Strategie sind wie gehabt die Reduzierung des Konsums legaler und illegaler Drogen sowie die Vermeidung von drogen- und suchtbedingter Probleme. Neben ein bißchen „Schadensminimierung“ stehen hier ideologisch in den schönsten Worten ausgeschmückt die Intensivierung zielgruppenspezifischer Suchtprävention, gesundheitsfördernder und frühintervenierender  Maßnahmen, Hilfen zum Ausstieg und repressive Grundorientierungen als Generalprävention im Fokus der „integrativen Gesamtstrategie“, die selbstverständlich „innovativ“ und „richtungsweisend“ ist. Viele der im nationalen Strategieplan erwähnten Maßnahmen sind seit Jahren Standard in der Sucht- und Drogenhilfe. Konsens ist aber: Drogenkonsumierende Menschen bleiben Objekte fürsorglicher Begierde in Richtung Abstinenz. Insofern: Nur more of the same.

Die entscheidenden Bedingungen im Bereich illegaler Drogen werden jedoch im gesamten „richtungsweisenden“ Strategieplan nicht genannt: Das eherne Ziel der Drogenprohibition, den massenhaften Konsum psychoaktiv wirksamer Substanzen wie Heroin, Kokain, Cannabis wirksam, effizient und nachhaltig zu bekämpfen, ist weltweit gescheitert. Und dies durchaus nachhaltig! Das profitabelste Geschäft der Welt hat neben der anthropologischen Konstante des individuellen Rauschbedürfnisses viele Nutznießerinnen. Ganze Staaten profitieren beispielsweise vom Rohopium und dem Kokastrauch. Man denke hier nur an Afghanistan, das inzwischen trotz oder gerade wegen immenser Geldzuwendungen zur Bekämpfung der Drogenproduktion zum weltgrößten Opiumproduzenten aufgestiegen ist.

Aber hier scheitert wohl die sonst so beliebte ökonomische, an Effektivität und Effizienz orientierte Kosten-Nutzen-Analyse und man könnte zu der These gelangen, dass das gesamte globalisierte Drogensystem (illegaler Drogenmarkt, Repression, Drogenmoral, Drogenhilfe, Suchtprävention, Drogenpolitik, Drogenverwaltungsapparat, Drogenforschung) sozusagen auf die Weiterexistenz der globalen Drogenprohibition angewiesen ist, ja davon „nachhaltig“ profitiert. Somit wird auch weiterhin eine globale Drogenverbotspolitik mit all ihren lebensbedrohlichen Mechanismen und desaströsen Auswirkungen dominieren (illegaler Markt, notwendige Beschaffungskriminalität, Einschränkung von Bürgerrechten, Kriminalisierung, Gesundheitsgefährdungen, fehlende Qualitätskontrollen, Verunmöglichung von Verbraucherschutz, ungeheure Kosten für nationale und internationale Bekämpfungsstrategien und Aktionspläne, für strafrechtliche Verfolgungen und Inhaftierungen, für drogentherapeutische Maßnahmen und drogenpolitische (präventive) Beruhigungsstrategien als Massenloyalitätssicherung bei permanenter Gefahreninszenierung). Insofern: Nichts Neues auf dem Markt der Drogenbekämpfungsstrategien.

Missbräuchliche Drogengebrauchsmuster oder die Entwicklung süchtigen Verhaltens sind nicht per Dekret oder durch irgendwelche nationale Strategiepläne, nicht durch „moralische“ Beeinflussungen als indizierte oder universelle Präventionsmaßnahmen, nicht durch modulare Angstszenarien abschaffbar, schon gar nicht durch Kriminalisierung,Strafandrohung und (sanfte) Abschreckungsstrategien. Wir werden damit leben müssen, dass es Drogengebrauch und Drogenmissbrauch immer geben wird. Der idealistische Traum von einer drogenfreien Gesellschaft ist zwar legitim, jedoch illusorisch. Zur Erinnerung: Etwa 5 – 7% der Erwachsenen konsumieren zwanghaft und exzessiv – trotz aggressiver „Kaufregung“, Wachstumsförderungsgesetze, „Leistung aus Leidenschaft“, allumfassendes Controlling, Sensation Seeking (schneller, weiter, höher), trotz permanenter Werbeberieselung, trotz als dürftig beklagter Suchtprävention, trotz Ballermänner auf Mallorca und anderswo sowie Oktoberfesten in Deutschland inklusive legalen, d.h. gesellschaftlich akzeptiertes Komasaufens als Gemeinschaftsereignis, trotz ungeheurer Wachstumsraten der Pharma-Industrie bei der „legalen“ Drogenproduktion und trotz gesellschaftlicher Problem-, Krisen-, Konflikt- und Defizitlagen. Die Mehrheit vermag anscheinend ihren Konsum selbst – auch genussorientiert – zu kontrollieren und dies sollte Bezugspunkt präventiver Maßnahmen sein, d.h. es ginge dann um die moderierende Unterstützung hinsichtlich eines selbstgestaltenden, genussfähigen und kompetenten Umgangs mit psychoaktiv wirksamen Substanzen jenseits eines rein defizitbezogenen Missbrauchs- und Problemblickes. Voraussetzung hierfür ist allerdings eine radikale Umgestaltung der gegenwärtigen globalen Drogenverbotspolitik. Höre ich da irgendwo Sisyphos ächzen?

Dr. Wolfgang Schneider ist Geschäftsführer des Instituts zur Förderung qualitativer Drogenforschung, akzeptierender Drogenarbeit und rationaler Drogenpolitik (Indro) e.V. in Münster (Westf.)

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